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„Kampf um jeden Ball“

Löwen empfangen den polnischen Meister KS Vive Tauron Kielce

Der neue Champions-League-Modus mit zwei Achter-Gruppen führt für die Rhein-Neckar Löwen zwangsläufig dazu, bereits in der Vorrunde auf viele alte Bekannte zu treffen. Bei der Auslosung für die Gruppe B trat dieser Effekt ebenfalls in der Vordergrund. Mit dem FC Barcelona, KS Vive Tauron Kielce, Vardar Skopje, Montpellier HB und Pick Szeged treffen die Rhein-Neckar Löwen gleich auf fünf Teams, mit denen sie mit Blick auf die vergangenen beiden Spielzeiten in der Königsklasse einige gemeinsame Erinnerungen verbinden – und das Wiedersehen mit dem polnischen Meister Kielce ist dabei von ganz besonderer Brisanz.

Die Löwen-Fans werden sich bestimmt noch bestens erinnern: In der Champions-League-Saison 2013/2014 kam es im Achtelfinale zur Begegnung
zwischen den Badenern und den Polen, bei der es bereits im Hinspiel mächtig zur Sache ging. Gegen das Team mit den Ex-Löwen Slawomir Szmal, Ivan Cupic, Grzegorz Tkaczyk, Karol Bielcki und Krzysztof Lijewski unterlag der Bundesliga-Vertreter im Hinspiel mit 28:32, zum eigentlichen Aufreger kam es aber erst nach dem Abpfiff. Kielces Coach Talant Duschebajew unterstellte seinem Gegenüber Gudmundur Gudmundsson obszöne Gesten, die Streithähne gerieten aneinander,
und die TV-Bilder ließen einen „Tiefschlag“ Duschebajews Richtung des Löwen-Coaches vermuten.

„Ich habe ihn verbal attackiert, aber nicht angegriffen“, verbat sich der ehemalige russische Weltklasse-Handballer solche Schlussfolgerungen, doch die 8805 Zuschauer in der SAP Arena hatten sich beim Rückspiel am 1. April 2014 ihre Meinung gebildet und begrüßten den Gäste-Trainer mit einem gellenden Pfeif-Konzert. In der aufgeheizten Atmosphäre waren es dann letztlich die Löwen, die die Nerven behielten. Mit 27:23 besiegten sie Kielce in einer mehr als dramatischen Partie und zogen dank der auswärts mehr erzielten Tore ins Viertelfinale ein, die Champions-League-Mission der Polen war vorzeitig beendet, nachdem sie ein Jahr zuvor erstmals beim Final-Four-Turnier in Köln am Ball waren.

Doch der Anspruch, sich mit den Besten zu messen, blieb in Kielce bestehen. Nicht zuletzt dank finanzieller Möglichkeiten des niederländischen Mäzens Bertus Servaas, der den Klub schon seit 2002 unterstützt und dessen Textil-Recycling-Unternehmen VIVE mittlerweile auch fester Namensbestandteil des zwölffachen polnischen Meisters ist, kann Kielce Jahr für Jahr ein Team aufbieten, dass in der heimischen Liga „Ekstraklasa“ eigentlich nur Wisla Plock fürchten muss.
Ansonsten kann sich Kielce ganz auf die Auftritte in der Königsklasse konzentrieren. 2015 ging der Plan dann erneut auf, der 1965 gegründete Klub erreichte zum zweiten Mal das Final-Turnier um die europäische Krone in Köln und wurde wie beim Debüt 2013 Dritter. In der Gruppenphase auf dem Weg nach Köln blieb Kielce sogar ungeschlagen.

Dass diese Leistung in der aktuellen Saison nicht wiederholt werden kann, stand bereits nach der Auftaktniederlage gegen Pick Szeged fest, doch der Anspruch wieder in Köln dabei zu sein, treibt die Polen erneut an, wie auch Ex-Löwe Grzegorz Tkaczyk gegenüber dem Internet-Portal der Champions League, „ehfcl.com“, unterstreicht: „Wir wollen uns in der Königsklasse des europäischen Handballs stetig verbessern.“ Dass aber auch Kielce auf diesem Niveau nichts von
alleine zufliegt, ist dem Spielmacher bewusst. „Der neue Modus ist richtig hart, aber unser Ziel ist natürlich wieder das Final Four, auch wenn diesen Traum zehn
weitere Teams haben“, blickt Tkaczyk auf die Konkurrenz.

Neben den Löwen trifft Kielce mit Barcelona, Kolding und Montpellier auf Mannschaften deren Stärke den Polen aus den zurückliegenden Spielzeiten bekannt ist. „Eigentlich müssten wir wissen, was wir gegen diese Mannschaften machen müssen“, sagt Kielces Manager Radoslav Wawiak, „aber das werden auf jeden Fall alles sehr interessante Begegnungen, die wir Schritt für Schritt angehen wollen.“ Mit Blick auf die Neuzugänge hat Kielce vor der aktuellen Saison weniger nach internationalen Stars gesucht, sondern vor allem die polnische Karte gespielt. Kreisläufer Mateusz Kus kam von Azoty Pulawy, Mariusz Jurkiewicz (Rückraum links) fand den Weg wie Pawel Paczkowski (Rückraum rechts) vom direkten Verfolger Wisla Plock nach Kielce. Letzterer erhält auf der rechten Seite Unterstützung vom mazedonischen Nachwuchsmann Branko Vujovic (Sutejska Niksic).

Im zweiten Jahr ist auf Rechtsaußen nicht zuletzt Tobias Reichmann für Kielce aktiv, der 2014 von der HSG Wetzlar nach Polen wechselte. Auf der Trainer-Position bleibt dabei alles beim Alten. Talant Duschebajew verlängerte seinen Vertrag vor der Saison bis 2019 und will mit Kielce weiter auf höchstem Niveau agieren. „Ich
bin mit unserer bisherigen Zusammenarbeit sehr zufrieden. Hier herrscht sehr viel gegenseitiger Respekt, was mir die Zusage erleichterte“, begründete
der temperamentvolle Coach seine Entscheidung. Und wer Duschebajew schon einmal erlebt hat, weiß, dass er sich auch nicht von einem gellenden Pfeif-Konzert von seinen Zielen abbringen lässt. Die Vorbereitung der Rhein-Neckar Löwen auf die morgige Partie war unterdessen kurz. Am gestrigen Nachmittag kam die Mannschaft erst vom Auswärtsspiel in Kolding zurück, Trainer Nikolaj Jacobsen nutzte die Stunden während der Rückreise bereits zur Videoanalyse der Polen.

„Kielce ist ein ganz anderes Kaliber als noch Kolding am Wochenende. Sie sind ein absolutes Schwergewicht und gehören zu den stärksten Teams in der Champions League. Aber wie schon gegen Barcelona wollen wir mit unseren Fans im Rücken unsere Chancen nutzen. Ich hoffe auf die Unterstützung unserer Fans, damit wir unsere Siegesserie ausbauen können. Wir werden um jeden Ball kämpfen müssen“, erwartet Jacobsen wie schon in den vergangenen Duellen eine Partie auf Augenhöhe. Anwurf in der SAP Arena ist am morgigen Mittwoch um 18:30 Uhr, Eintrittskarten gibt es noch an der Abendkasse.