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MM-Beilage

Der Mannheimer Morgen hat am Mittwoch eine Sonderbeilage zum Saisonstart der Rhein-Neckar Löwen. Hier ein kleiner Auszug.

 

EINE REISE INS UNGEWISSE

Kronau. Die Vögel zwitschern, der Himmel ist wolkenlos und die Luft ganz klar. Im 5566-Seelen-Örtchen Kronau geht es idyllisch, ja beschaulich zu. Wer abschalten, die Seele baumeln oder nur den Alltag hinter sich lassen will, ist hier genau richtig. Es herrscht absolute Ruhe, sogar beim Handball-Bundesligisten Rhein-Neckar Löwen, dessen prächtiges Trainingszentrum in der badischen Gemeinde steht.
Vorbei scheint die Zeit der flotten Sprüche und mutigen Kampfansagen, in welcher der Blick für die Realität fehlte, in der ein mächtiger und zu optimistischer Aufsichtsratsvorsitzender Jesper Nielsen überzogene Ziele formulierte und zugleich ständig neue Transfergerüchte in die Welt setzte. Bei den Löwen, man mag es kaum glauben, steht zurzeit tatsächlich nur der Sport im Vordergrund. „Man sollte nicht immer über Titel oder darüber reden, was im Mai ist“, bringt es Spielmacher Andy Schmid auf den Punkt. Momentan halten sich alle daran. Es gibt kein Theater, keine Störfeuer, keine Nebenkriegsschauplätze – sogar das Verpassen der Champions League beim Wildcard-Turnier in Kielce am vergangenen Wochenende hat die Welt nicht aus den Fugen geraten lassen. Die komplette Konzentration gilt einzig und allein dem Bundesliga-Start heute Abend (20.15 Uhr) beim TV Großwallstadt.

Hartes Startprogramm

„Wir haben eine harte erste Woche mit vier Spielen, dazu kommen die Reisestrapazen“, denkt Trainer Gudmundur Gudmundsson noch an den Kräfteverschleiß beim Wildcard-Turnier in Polen. Andererseits hat er sein Team auf diese Anstrengungen in den zurückliegenden Wochen bestens vorbereitet. Nun gilt es, die Früchte dieser harten Arbeit zu ernten.
Rechtsaußen Patrick Groetzki blickt durchaus optimistisch auf die Saison. „Wir haben in Krzysztof Lijewski einen Spieler dazu gekommen, der uns nicht nur im Angriff, sondern auch in der Abwehr hilft“, meint der Linkshänder und erhält Zustimmung von Børge Lund: „Im Gegensatz zum Vorjahr müssen wir nur einen neuen Rückraum-Mann integrieren. Das merkt man schon jetzt.“
Manager Thorsten Storm ist ebenfalls zuversichtlich. „Wir haben eine tolle Mannschaft und nicht so viele Veränderungen wie in den Jahren zuvor. Es geht bei uns etwas ruhiger zu – und das ist auch gut so“, sagt der Geschäftsführer, dem zuletzt einzig und allein die Personalie Tomas Svensson zu schaffen machte. BM Valladolid, der Ex-Klub des Torwarts, verweigerte zunächst die Freigabe für den 43-Jährigen, doch mittlerweile ist der Schwede spielberechtigt. Und im Vergleich zum Trubel der Vorjahre war diese Angelegenheit ohnehin eine Kleinigkeit.
Trotz der ungewohnten Ruhe im Umfeld – mit ein paar Sorgen gehen die Löwen erneut in die Saison. Der aus Gummersbach gekommene Schlussmann Goran Stojanovic verpasste nach einer Bandscheibenoperation fast die gesamte Vorbereitung, Ivan Cupic (Schulter ausgekugelt) und Bjarte Myrhol (Krebserkrankung) fallen langfristig aus. Und nicht zuletzt verließ in Ólafur Stefánsson eine Leitfigur den Klub.
Andererseits bietet sich nun die Chance, dass andere Spieler noch mehr Verantwortung übernehmen: Zum Beispiel Zarko Sesum, der im Rückraum eine zentrale Rolle einnimmt und im ersten Halbjahr 2011 mit starken Leistungen auf sich aufmerksam machte. „Er hatte einen schwierigen Start bei uns, war zuletzt aber eine unserer wichtigsten Stützen. Zarko hat sich zu einem Leistungsträger entwickelt und kann noch besser werden“, lobt Storm, der mit den Badenern die direkte Champions-League-Qualifikation anpeilt: „Wir wollen in der Liga unter die ersten drei Mannschaften kommen.“
Wohin die Reise der Gelbhemden geht, wird man auf jeden Fall schnell sehr sehen: Zu den Gegnern in den ersten fünf Spielen gehören die Titelfavoriten THW Kiel und HSV Hamburg. Diese Partien sind richtungsweisend – auch mit Blick auf das stets nervöse Umfeld. Insofern hat der blaue Himmel über Kronau durchaus auch etwas trügerisches. Es könnte nur die Ruhe vor dem ersten großen Sturm sein. Marc Stevermüer 



AUCH BEI DER POLIZEI POPULÄR

Mannheim. In den ersten Tagen brauchte er noch ein Navigationsgerät in seinem Auto. Der Weg von seiner Heidelberger Wohnung ins Kronauer Trainingszentrum war Krzysztof Lijewski nicht ganz geheuer. „Aber jetzt habe ich Erfahrung“, sagt der polnische Neuzugang, der vom deutschen Meister HSV Hamburg zu den Rhein-Neckar Löwen kam.
Königstuhl statt Speicherstadt, Neckar statt Elbe – für den Rückraumspieler beginnt in diesem Sommer ein neuer Lebensabschnitt. „In Hamburg habe ich in Altona gelebt. Allein dieser Stadtteil ist größer als Heidelberg“, weiß der Linkshänder, dass er es fortan etwas beschaulicher haben wird. Viel gesehen von seiner neuen Umgebung hat der 1,97-Meter-Hüne jedoch noch nicht, wie er ohne Umschweife zugibt. Zu intensiv sei die Saisonvorbereitung gewesen, sein Leben habe wochenlang aus „schlafen, essen und trainieren“ bestanden.
Dieser vorbildliche Lebensstil wird die Löwen freuen, sie setzen große Hoffnungen in ihren Königstransfer. Der Vizeweltmeister von 2007 soll für mehr Torgefahr sorgen und die Deckung stabilisieren.

Bruder Marcin spielt beim HSV

Bevor der Weltklasse-Halbrechte in die Rhein-Neckar-Region übersiedelte, weilte er noch für einen Kurzurlaub in seiner polnischen Heimat Ostrów. Dort liegen seine Wurzeln – und die Anfänge seiner Karriere. „Mein Weg war vorgezeichnet“, meint Lijewski und gewährt einen Einblick in seine Kindheit: „Mein Papa war früher Handballtrainer und ist es heute noch. Mein sechs Jahre älterer Bruder Marcin ist immer mit ihm zusammen zum Training gegangen, er war sofort süchtig. Und da ich immer das tun wollte, was mein Bruder machte, kam ich zwangsläufig zum Handball. Dieser Sport begeisterte mich schon als Kind.“
Dass seine Söhne aber mal zwei Weltklasse-Spieler werden würden, hat wohl auch Papa Lijewski damals nicht zu träumen gewagt. Marcin spielt nach wie vor beim HSV Hamburg, insgesamt drei Jahre lang standen die Brüder zusammen für die Hanseaten auf der Platte.
„Das war bislang die schönste Zeit in meiner Karriere, wir hatten als Erwachsene nie viel Zeit miteinander. Als ich 20 wurde, wechselte Marcin bereits nach Flensburg. Unsere Wege trennten sich recht früh“, blickt der Löwen-Neuzugang zurück: „In Hamburg konnten wir das dann nachholen, das war richtig toll. Ich hatte endlich meinen Bruder bei mir – und zwar nicht nur beim Sport, sondern auch in der Freizeit. Diese drei Jahre haben mich geprägt, sie zeigten mir, dass die Familie über allem steht. Erst recht, wenn man im Ausland lebt.“
Trotzdem entschied sich der jüngere der beiden Lijewski-Brüder für den Wechsel zu den Löwen, nach dem Gewinn der Meisterschaft mit dem HSV sucht er bei den Badenern eine neue Herausforderung. Und so gibt es fortan brisante Duelle mit Marcin – doch solche Situationen kennt Krzysztof nur allzu gut. Schließlich spielt bei den Berliner Füchsen sein bester Freund aus Kindheitstagen: Bartlomiej Jaszka, der ebenfalls in Ostrów aufwuchs und drei Wochen älter als Lijewski ist.

Respekt vor Bielecki

„Wir kennen uns seit 17 Jahren, haben acht Jahre lang in der Schule nebeneinander gesessen. Zusammen mit meinem Papa haben wir unsere ersten Schritte im Handball gemacht“, berichtet der Linkshänder, der in seiner Heimat ungemeine Popularität genießt – was ihm ein paar Vorteile bringt. „Ich wurde leider schon oft von der Polizei angehalten, weil ich zu schnell gefahren bin. Wenn die Beamten mir dann ins Gesicht schauten, fragten sie nur, welcher Lijewski ich bin. Dann unterhielten wir uns ganz nett und ich fuhr ohne Strafe weiter“, sagt der Halbrechte und lacht herzhaft.
An den Bekanntheitsgrad seines Löwen-Kollegen Karol Bielecki, der im vergangenen Jahr auf dem linken Auge erblindete, kommt er allerdings nicht heran. „Karol ist ein Gott in Polen. Jeder will so stark sein und so hart werfen wie er“, sagt der 97-Kilo-Mann, der großen Respekt vor dem Comeback seines Landsmannes hat: „Was der Typ macht, ist einfach ein Wunder. Es gibt nicht viele Sportler auf dieser Welt, zu denen ich aufschaue. Aber bei Karol muss ich sagen: Wow! Nach dieser Tragödie so zurückzukommen, ist eine großartige Leistung.“
Umso mehr freut es den Neuzugang, dass er ab sofort mit seinem Freund in einer Mannschaft steht und nicht in Kopenhagen spielen muss. Jesper Nielsen, Geldgeber der Gelbhemden und des dänischen Hauptstadt-Klubs, wollte Lijewski entgegen der ursprünglichen Pläne plötzlich unbedingt nach Kopenhagen lotsen. „Ich bin ein erwachsener Mann, der zu seinem Wort steht. Ich habe immer gesagt, dass ich zu den Löwen gehe. Alles andere hat mich genervt“, spricht der Linkshänder Klartext. Keine Frage: Der 28-Jährige ist froh darüber, in der Rhein-Neckar-Region zu sein. Hier fühlt er sich wohl, hier findet er sich zurecht – zumindest, wenn er nach Kronau muss. Marc Stevermüer  



EINE TOP-ADRESSE IN EUROPA

Mannheim. Er ist der Macher, die treibende Kraft: Bei Thorsten Storm laufen die Fäden zusammen. Der Manager der Rhein-Neckar Löwen spricht im Interview über seinen Klub, die Saison und die Liga.

Herr Storm, unabhängig vom Ausgang des Wildcard-Turniers in der Champions League: Wie bewerten Sie die Saison-Vorbereitung?
Thorsten Storm: Die Spieler haben toll gearbeitet. Unser Trainer Gudmundur Gudmundsson hat viel Wert auf den physischen Bereich gelegt, da leidet man schon mit. Schade ist allerdings, dass nicht alle Jungs mitziehen konnten. Ich weiß nicht, was wir verbrochen haben, aber was das Verletzungspech angeht, sind wir in diesem Jahr schon sehr stark betroffen. Bis November wird uns noch Ivan Cupic fehlen, Goran Stojanovic hat mehrere Monate nicht gespielt und soll sich jetzt ins Tor stellen. Und als traurige Krönung kam die Krebserkrankung von Bjarte Myrhol dazu, die uns aus heiterem Himmel getroffen hat. All das hat dazu geführt, dass die Vorbereitung nicht optimal verlaufen konnte.

Ist die Mannschaft aufgrund dieser Sorgen enger zusammengerückt?
Storm: Ja, die Jungs machen das Beste aus der Situation, sie sind als Einheit enger zusammengewachsen. Die Stimmung ist sehr gut – und in sportlicher Hinsicht war die Vorbereitung trotz der personellen Probleme in Ordnung.

Auf wen oder was können sich die Fans in der neuen Saison am meisten freuen?
Storm: Ich hoffe einfach, dass wir uns weiterentwickeln und ein Spieler wie Krzysztof Lijewski schon im ersten Jahr zu einer zentralen Figur wird. Wir erwarten von ihm, dass er Führungsaufgaben übernimmt. Im Kern haben wir trotz Tomas Svensson und Henning Fritz eine sehr junge Truppe. Aber natürlich hoffen wir alle, das Bjarte Myrhol die große Überraschung wird.

Haben die Löwen ihr Abwehrproblem behoben?
Storm: Ich hoffe. Oliver Roggisch hat sein Spiel verändert und gezeigt, dass er zusammen mit Zarko Sesum sehr gut verteidigen kann. Dieses Duo harmoniert im Mittelblock. Mit Lijewski ist ein Spieler dazu gekommen, der auch zentral verteidigen kann, was die Situation insgesamt entschärft. Es ist nun einmal so, dass Karol Bielecki aufgrund seiner Augenverletzung kein kompletter Abwehrspieler mehr sein kann. Sein räumliches Sehvermögen ist eben eingeschränkt. Dazu kommt mit Robert Gunnarsson ein Kreisläufer, der fast nur im Angriff eingesetzt wird.

Wie schwer wiegt der Verlust von Ólafur Stefánsson?
Storm: Das kann ich nur schwer prognostizieren. Er hat uns in der Vergangenheit sehr geholfen. In Lijewski haben wir einen sehr guten Nachfolger gefunden, er ist sogar der etwas komplettere Spieler, weil er mehr Torgefahr ausstrahlt und in der Abwehr eine zentrale Rolle spielen kann. Wir haben uns auf dieser Position im Vergleich zur Vorsaison bestimmt nicht verschlechtert.

Haben Sie Angst vor einem Bundesliga-Fehlstart?
Storm: Außer Frage steht, dass unser Auftaktprogramm mit den Partien gegen den THW Kiel und den HSV Hamburg sehr schwer ist. Aber eine Saison geht über 34 Spieltage. Und wenn die Tabelle am Anfang nicht gut aussieht, muss das ja am Ende nicht auch so sein.

Den Löwen fehlt ein Titel: Wäre in der Vergangenheit mehr möglich gewesen?
Storm: Wir waren mindestens zwei Mal knapp davor, den ersten großen Titel zu gewinnen. Im Europapokal-Finale 2008 gegen Veszprém waren wir einfach zu ängstlich und unerfahren, im Pokal-Endspiel 2010 gegen Hamburg hatten wir Pech. Ich bin seit 2007 bei den Löwen – und dass wir innerhalb von vier Jahren nicht Deutscher Meister werden, ist keine Überraschung. Die Bundesliga ist wie eine Vereins-Weltmeisterschaft. Hier treten die besten Klubs der Welt gegeneinander an. Wir haben uns aber auch ohne Titel zu einer anerkannten Topadresse in Europa entwickelt. Nicht nur in sportlicher Hinsicht, sondern auch als gut geführter und seriöser Klub mit optimalen Arbeitsbedingungen für jeden Profi-Handballer.

Mit welchem Zuschauerschnitt rechnen Sie in der nächsten Saison?
Storm: Wir wollen uns im Schnitt bei 9000 Zuschauern einpendeln. In der vergangenen Saison waren es knapp über 8000. Natürlich träumen wir immer noch von der 10 000er-Marke, aber dafür fehlte zuletzt der durchschlagende sportliche Erfolg. Das Zuschauer-Potenzial ist in dieser Region aber sicherlich riesengroß.

In unmittelbarer Nachbarschaft spielen Zweitligist Friesenheim und Drittligist Leutershausen. Wie ist das Verhältnis untereinander?
Storm: Wir arbeiten mit beiden Klubs eng zusammen. Wir sind die Spitze in dieser Region, doch natürlich liegt uns auch die Breite am Herzen. Die Basis ist für uns sehr wichtig, weshalb wir noch mehr auf die Vereine in der Region zugehen und zum Beispiel Aktionen wie ein Torwarttraining mit Tomas Svensson für andere Vereine anbieten werden.

Wann rückt das nächste Talent aus der eigenen Jugend in den Bundesliga-Kader?
Storm: Mit Niklas Ruß haben wir ja gerade erst einen Spieler aus dem eigenen Nachwuchs dazu geholt. Und wenn ich unseren Trainern glauben darf, tummeln sich bei uns im Jugendbereich einige hoffnungsvolle Talente, die es in den nächsten zwei, drei Jahren auch in die Bundesliga-Mannschaft schaffen können. Das muss auch so sein, wenn man so viel Geld in den Nachwuchs investiert.

Welchem Klub trauen Sie in der neuen Saison eine Überraschung zu?
Storm: Melsungen kann eine gute Rolle spielen, die Mannschaft wurde neu strukturiert und mit intelligenten Neuverpflichtungen verstärkt. Auch Lübbecke kann eine Überraschung werden.

Ein prominenter neuer Mann in der Liga ist Iker Romero, der zu den Berliner Füchsen wechselte. Was darf man von ihm noch erwarten?
Storm: Das ist schwer zu sagen. Er war ein großer Spieler in Barcelona, doch dort wurde sein Vertrag nicht verlängert. Zuletzt hat er keine wichtige Rolle mehr in Barcelona gespielt. Ich freue mich aber für die Bundesliga, dass Romero nach Deutschland gekommen ist.

Martin Heuberger ist der neue Bundestrainer. Wird das Verhältnis zwischen dem Deutschen Handball-Bund und den Klubs jetzt besser?
Storm: Ein Neuanfang ist immer eine Chance. Ich habe mit Martin Heuberger bereits mehrfach gesprochen, die Kommunikation mit ihm ist sehr gut. Er geht auf die Vereine zu und wir wissen, dass dort jetzt jemand auf dem Bundestrainer-Stuhl sitzt, der auch unsere Notwendigkeiten und die Kostenseite des Profi-Handballs anerkennt. Deshalb ist Martin eine gute Wahl für diesen Job. Marc Stevermüer 



„WILL JETZT ANDERE TITEL GEWINNEN“

Mannheim. In Aktion konnten ihn die Löwen-Fans in den Hallen der Region noch nicht bewundern, doch seine Autogramme waren bei der offiziellen Vorstellung des Kaders in der Vorwoche schon heiß begehrt. Immer wieder musste Goran Stojanovic seinen Schriftzug auf Poster und Trikots setzen, die Erwartungen an den Neuzugang vom VfL Gummersbach sind nach dem Weggang von Slawomir Szmal natürlich groß. Doch Stojanovic wäre ein schlechter Schlussmann, wenn er nicht mit dem nötigen Selbstvertrauen ausgestattet wäre. „Ich habe mit Gummersbach dreimal in Folge einen Europapokal geholt. Jetzt möchte ich noch andere Titel gewinnen“, setzt sich der Montenegriner an seiner neuen Wirkungsstätte hohe Ziele.
Allerdings denkt der Keeper aus bekannten Gründen erst einmal kurzfristig. Nach seiner Rücken-OP klappte es nicht mit dem Einstieg bei den Löwen zum Vorbereitungsstart, zeitweise drohte sogar ein neuerlicher Eingriff an den lädierten Bandscheiben. „Ich kann mit den Schmerzen umgehen“, beißt der 34-Jährige auf die Zähne und will sich trotz dieses Handicaps seiner vollen Leistungsstärke nähern.
Ende August stieg Stojanovic ins Mannschaftstraining ein, beim Euro-Tournoi in Straßburg gab er sein Debüt zwischen den Pfosten. „Am Anfang war es schon schwierig“, räumt der ehemalige Gummersbacher ein, er fand dann aber immer mehr Gefühl für Ball und Körper. Auch der Reise zum Wildcard-Turnier nach Kielce stand so nichts mehr im Weg.

Storm lobt tolle Einstellung

„Goran spielt mit Schmerzen, um der Mannschaft zu helfen. Das ist eine tolle Einstellung“, lobt Geschäftsführer Thorsten Storm den neuen Schlussmann und hofft, dass die Entwicklung nun endgültig in die richtige Richtung geht. „Ohne ihn wären wir enorm geschwächt. Das ist klar“, weiß auch der Manager, dass ein erneuter Ausfall die Löwen und ihre Ambitionen in der Liga hart treffen würde.
Darüber hinaus wäre eine weitere Pause für den Routinier auch ein persönlicher Rückschlag, da Stojanovic seine persönliche Entwicklung noch lange nicht als abgeschlossen betrachtet. „Das beste Beispiel ist doch Tomas Svensson mit seinen 43 Jahren. Und auch von Henning Fritz kann ich noch unheimlich viel lernen. Das sind beides Legenden“, spricht der montenegrinische Nationaltorhüter mit jeder Menge Respekt von seinen neuen Kollegen.
Dass Svensson sich künftig ganz um die Keeper kümmern soll, empfindet Stojanovic als weiteren Pluspunkt. „In Gummersbach war unser Co-Trainer dafür zuständig, aber diese Situation bei den Löwen ist natürlich noch einmal eine Steigerung“, beschreibt der Schlussmann die professionellen Bedingungen bei den Badenern, von denen auch Altmeister Svensson angetan ist: „Mit Goran und Henning läuft das prima. Ich denke, wir können uns alle gegenseitig helfen. Bei unserem umfangreichen Spielplan bieten sich Möglichkeiten für alle.“
Im Kreis seiner Kollegen ist Stojanovic also schon angekommen, in seiner neuen Umgebung ebenfalls. Den Umzug hat er bereits hinter sich, mittlerweile hat Stojanovic in Heidelberg-Rohrbach Wurzeln geschlagen. „Direkt in der Nähe der großen US-Kaserne“, lacht der Balkan-Profi, „die beschützen mich.“ Und in der eher beschaulichen Stadt am Neckar gefällt es dem neuen Löwen-Torwart – auch wenn er die touristischen Attraktionen noch nicht abklappern konnte.

Südwesten kein Neuland

„Dafür kenne ich schon ein paar Cafés und Restaurants“, sagt Stojanovic, der sich an den Menschenschlag im Südwesten nicht neu gewöhnen musste. „Ich habe ja vor sechs Jahren in Pfullingen und mit dem VfL oft in Stuttgart gespielt“, ist Baden-Württemberg kein Neuland für den ehemaligen Gummersbacher – die feinen Unterschiede zwischen Badenern und Schwaben einmal ausgenommen.
Die Grundlagen für ein neues Kapitel sind also gelegt – nun muss nur noch die Gesundheit mitspielen, damit die Fans auch in Zukunft bei Stojanovic auf Autogrammjagd gehen können. Zu wünschen wäre ihm das nach der jüngsten Leidenszeit allemal. Thorsten Hof 



TORWART UND TITELGARANT

Mannheim. Überlegen musste Tomas Svensson nicht lange. Als die Anfrage der Rhein-Neckar Löwen auf dem Tisch lag, stand sein Entschluss schnell fest. Der Schwede hatte nur noch eines im Sinn: Er wollte weg aus Spanien, weg aus Valladolid, weg aus der Liga Asobal. „Das war das richtige Angebot zur richtigen Zeit“, sagt der Torwart, der allerdings Wert auf die Feststellung legt, nicht im Unfrieden seinen Ex-Klub verlassen zu haben, obwohl es zwischenzeitlich Streitigkeiten um die Freigabe gab.
„Die Löwen sind ein seriös geführter Verein und hier bekomme ich die Chance, über meine aktive Karriere hinaus im Handball tätig zu sein“, schildert der 1,94-Meter-Mann seine Beweggründe für den Wechsel. Zu Saisonbeginn wird er – wie zuletzt beim Wildcard-Turnier der Champions League in Kielce – zusammen mit Henning Fritz und Goran Stojanovic zwischen den Pfosten stehen. Wenn dann der noch mit Rückenproblemen kämpfende Stojanovic zu 100 Prozent einsatzfähig ist, rückt Svensson endgültig ins Trainerteam auf.
„Ich kann mir wirklich keinen besseren Typen als ihn für diese Aufgabe vorstellen. Er ist für alle ein echtes Vorbild“, sagt Manager Thorsten Storm: „Im Moment muss er aber erst einmal voll als Torhüter seinen Mann stehen.“
Der Neuzugang geht die Aufgabe auf jeden Fall optimistisch an. „Ich will dem Verein so gut wie möglich helfen“, sagt der Schlussmann, der sich mit seinen 43 Jahren noch längst nicht zum alten Eisen zählt. Er fühlt sich als Routinier, aber keinesfalls als Rentner.

Rückkehr in die Bundesliga

Für Svensson ist das Engagement beim Südwest-Klub eine Rückkehr in die Bundesliga. Zwischen 2002 und 2005 stand er bereits beim HSV Hamburg unter Vertrag. „Die Löwen sind mittlerweile einen Schritt weiter als Hamburg damals. Der HSV war zu meiner Zeit dort nur ein Projekt“, meint der 43-Jährige und verweist auf die Qualität der Mannheimer, die in der vergangenen Saison trotz des enttäuschenden vierten Bundesliga-Platzes auch viele gute Spiele zeigten: „Die Löwen waren beim Final Four der Champions League dabei, haben in Kiel und Barcelona gewonnen. Davon war Hamburg damals weit entfernt. Nun geht es darum, den letzten und auch schwierigsten Schritt zu machen. Das ist die größte aller Herausforderungen.“
Wie man Titel gewinnt, weiß Svensson nur allzu gut. Sechs Mal holte er die Champions League, ebenso oft die spanische Meisterschaft. Insbesondere die sieben Jahre beim FC Barcelona bleiben in Erinnerung: „Das war meine erfolgreichste Zeit, außerdem habe ich dort meine Frau kennengelernt“, erzählt der Schwede, der von den Katalanen nach Hamburg wechselte: „Barcelona hatte mir angeboten, als Torwarttrainer weiterzuarbeiten. Aber 2002 war das nicht der richtige Zeitpunkt, der ist erst jetzt gekommen.“
Zum katalanischen Star-Ensemble gehörte damals auch für einige Zeit Ex-Löwe Christian Schwarzer, mit dem Svensson ein gutes Verhältnis pflegte: „Wir kamen prima miteinander aus. Keine Frage: Christian war nicht nur ein herausragender Spieler, sondern auch eine tolle Persönlichkeit. Schade, dass er uns nach zwei Jahren wieder verlassen hat.“
Es ist aber nicht nur die Zeit in Barcelona (1995-2002), an die der neue Torwart der Badener gerne zurückdenkt. „Ich habe überall viel erlebt und an alle Städte und Vereine gute Erinnerungen“, sagt Svensson, der neben zahlreichen Klub-Titeln auch große Erfolge mit der Nationalmannschaft feierte: zwei WM- und drei EM-Triumphe, da lassen sich sogar drei Final-Niederlagen bei Olympischen Spielen verschmerzen. „Ich sehe nicht das, was ich verpasst, sondern was ich gewonnen habe. Das werden viele andere niemals erreichen“, sagt die schwedische Legende mit großer Gelassenheit.

Geduld als Erfolgsrezept

Ohnehin geht der Torwart mit dem Thema Titeldruck ganz unaufgeregt um. Eine Meisterschaft, erklärt Svensson, könne man nicht erzwingen oder erkaufen. Auf Geduld und harte Arbeit komme es an, nennt der 43-Jährige das eigentlich längst bekannte Erfolgsrezept, an das sich die Löwen in der Vergangenheit aber nur selten hielten.
Das alles geschah jedoch vor Svenssons Zeit, weshalb er nur in die Zukunft blickt. Seinem Wechsel in die Bundesliga kann der Schlussmann jedenfalls nur Positives abgewinnen, sogar der viele Regen, die zahlreichen Wolken und eher niedrigen Temperaturen in den vergangenen Wochen haben nicht dazu geführt, dass er Sehnsucht nach dem spanischen Sommer hat. Im Gegenteil. „Es fällt einem doch leichter, zu trainieren, wenn es draußen nicht so warm ist“, sagt Svensson und lacht. Keine Frage: Dieser Mann hat nach wie vor Spaß an seinem Job – und noch lange nicht genug. Marc Stevermüer