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Rhein-Neckar Löwen sind nach Sieg über Kiel der Titelfavorit (RNZ)

Das Sechs-Punkte-Polster der Löwen macht Kiel zu schaffen

Sein Gesicht wirkte wie versteinert. Völlig emotionslos saß Alfred Gislason auf dem Pressepodium in der Mannheimer SAP Arena. Wenig später begann er dann zu reden. Der erfolgsverwöhnte Trainer des THW Kiel sagte Sachen, die er sonst eher selten sagt. Zum Beispiel das: „Glückwunsch an die Löwen, sie haben verdient gewonnen.“ Dann begann der Isländer zu rechnen: „Sechs Punkte“, grummelte er, „sechs Punkte hören sich nicht gut an.“ Um dann doch noch eine Kampfansage hinterher zu schicken: „Aber wir sind der THW Kiel.“ Was so viel heißen sollte wie: ‚Wir können jeden Rückstand aufholen und werden sicher nicht aufgeben. Ihr werdet schon sehen‘.

Geschäftsführer Thorsten Storm, sein Chef beim Ostsee-Riesen, weiß das. Am Mittwochabend schien der aber irgendwie nicht mehr so recht an die eigene Stärke zu glauben: „Die Löwen sind eine eingespielte Mannschaft und für mich mit diesem Sechs-Punkte-Polster auch der Favorit auf den Titel, das hat sich heute gezeigt.“

Hört sich gut an. Vor allem aus dem Mund des Ex-Managers. Das Prunkstück der Löwen ist jedenfalls schnell ausgemacht: die Abwehr. In den letzten drei Bundesliga-Partien gelangen keiner Mannschaft mehr als 20 Tore gegen die Löwen. Teammanager Oliver Roggisch mit einem Lächeln im Gesicht: „20 ist meine Lieblingszahl.“

Gegen den Titelverteidiger war da aber mehr als nur eine gute Abwehr, echte Nehmer-Qualitäten bewiesen sie da, die Gelben. Der 13:7-Gala vor der Pause folgte ein zähes Ringen. Kiel kam immer näher ran, schnupperte beim 15:14 (44.) am Ausgleich. Gerade gegen den THW brechen dann viele komplett ein. Nicht die Löwen, die sind mental mittlerweile so gefestigt, dass sie sich durch nichts aus der Bahn werfen lassen. Roggisch bringt es auf den Punkt: „Zwischendurch war wirklich zu befürchten, dass das Spiel noch total kippt, aber wir haben zurückgeschlagen: Kompliment an die Jungs.“

Feiern können sie übrigens auch vorzüglich. Allen voran Hexer Mikael Appelgren. Der Schlussmann gab danach den Zeremonienmeister. Er stimmte die Humba an und grölte „Spitzenreiter, Spitzenreiter“ ins Mikrofon. Verdient hatte er sich das auf alle Fälle. Mit seinen Reflexen zog er Kiel den Zahn. Immer, wenn man das Gefühl hatte, jetzt könnte es richtig brenzlig werden, fuhr er seine Arme oder Beine aus. Eine Weltklasse-Leistung!

Zeit für eine feuchtfröhliche Party blieb nach dem glänzenden Auftritt allerdings nicht. Denn der Spielplan meint es nicht gut mit den Gewinnern. Nach Kiel, ist vor Skopje. Schon am Samstag ab 17.30 Uhr sind die Löwen in der Champions League auswärts gefordert. Und im dortigen Hexenkessel kommt es insbesondere auf eines an: Gute Nerven.

Von Daniel Hund