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Thorsten Storm im Interview: „Es geht schon, den THW zu schlagen“ (HM)

Die schwerste Zeit liegt offenbar hinter ihm. Nach turbulenten Monaten und dem Abschied eines Großinvestors musste Thorsten Storm lange ringen, um seinen Klub wieder in ruhigeres Fahrwasser zu bringen. Doch jetzt sieht der Manager der Rhein-Neckar Löwen endlich wieder hoffnungsvoll in die Zukunft. Nicht zuletzt auch deshalb, weil die Löwen trotz eines personellen Aderlasses mit 22:0 Punkten in die Saison gestartet sind und damit in der Tabelle von oben grüßen. „Guter Sport”, so sagt Storm, „ist noch immer das beste Marketing.” Mit anderen Worten: Spielen seine Jungs auch weiterhin so erfolgreich, sollte sich der Klub auch finanziell rasch wieder stabilisieren. Wie wichtig das Samstagmatch gegen die Füchse Berlin ist und ob er sein Team schon in der Lage sieht, gegen den großen THW Kiel zu bestehen, darüber sprach der 48-Jährige, den alle nur „Theo” nennen, in einem ausführlichen Interview.

Können Sie sich in diesen Tagen beim Blick auf die Bundesliga-Tabelle überhaupt sattsehen? 
Thorsten Storm: Wenn ich ganz ehrlich bin, dann schaue ich gar nicht so oft auf die Tabelle. Ich bin Realist und weiß, dass das nur eine schöne Momentaufnahme ist. Ich finde das toll, und Erfolge machen Spaß, aber es ist nicht so, dass ich mich in irgendwelchen Träumereien verliere. Ich weiß, wo wir herkommen. Noch vor Saisonbeginn standen wir vor dem Aus. Und jetzt ist es nicht mehr als ein optimaler Start in die neue Saison.

 

Der Klub musste erhebliche Einbußen hinnehmen, seinen Etat drastisch verkleinern und den Spielern das Gehalt kürzen. Erklären Sie uns die erfreuliche Entwicklung. 
Thorsten Storm: Vielleicht hat die gesamte Situation bei uns allen neue Energien freigesetzt. Das fängt bei der Mannschaft an, die mit sehr viel Spaß an die Arbeit geht. Wir haben mit der Mannschaft ehrlich kommuniziert, haben ihr gesagt, wie es aussieht und was nun passieren muss. Wir haben zu einem frühen Zeitpunkt einen mutigen Schnitt gemacht und haben nun das jüngste Team der Rhein Neckar Löwen, das es jemals gegeben hat. Der Umbruch ist vollzogen. Das haben andere Klubs noch vor sich. Wir haben zudem die neuen Schlüsselpositionen frühzeitig besetzt und ein Grundgerüst gehabt. Mit Niklas Landin, Alexander Pettersson und Kim Eckdahl du Rietz haben wir sehr früh klasse Typen verpflichtet, mit denen wir in den kommenden Jahren planen können. Das freut mich mehr, als der Blick auf die Tabelle. 

 

Vor allem Keeper Landin macht in dieser Saison richtig Spaß…
Thorsten Storm: …absolut. Er hat hier schon grandiose Spiele abgeliefert. Er hat eine grosse Zukunft vor sich. Zudem ist Niklas so bescheiden, so sympathisch und meckert so gut wie nie. Da kenne ich im Handball ein paar ganz andere Beispiele.

 

Auch in der Außenwirkung hat der Klub in den vergangenen Monaten enorm gewonnen. Haben die Rhein-Neckar Löwen sich neu erfunden? 
Thorsten Storm: Wir halten einfach mal die Klappe und arbeiten in Ruhe unsere Aufgaben ab. Natürlich freut es uns alle, dass die Rhein-Neckar Löwen nun so positiv wahrgenommen werden. Aber wir sind Realisten. Wir sind nicht auf dem Niveau eines THW Kiel. Wie auch, wir mussten den Rückzug des Hauptinvestors kompensieren. Aber hier wurde sehr viel gearbeitet und Mut bewiesen. Deshalb sind wir jetzt auf dem richtigen Weg. Wir waren auf der Intensivstation, und nun sind wir zumindest mal in der Reha. Und der sportliche Erfolg hilft dabei sehr.

Sie sind auch dabei, verprellte Fans zurück zu gewinnen. Wie geht das?
Thorsten Storm: Wir sind gegen Kiel Ende November ausverkauft. Und gegen Berlin am kommenden Samstag werden mehr als 10.000 Besucher in der Halle sein. Das ist doch mal eine Hausnummer. Und das, obwohl wir hier nicht in Kiel oder Flensburg sind. Hier in der Region sind an jedem Wochenende sehr viele andere hochklassige Sportveranstaltungen im Freizeitangebot. Ich kann andererseits aber auch jeden verstehen, der in den letzten Jahren nicht zu uns gekommen ist. Hier wurde viel Kredit verspielt, den wir uns nun Stück für Stück zurück erarbeiten.

Hat sich an der ursprünglichen Zielsetzung schon etwas geändert? 
Thorsten Storm: Spieler und Trainer haben sich intern ehrgeizige Ziele gesetzt. Sollten sie die erreichen, wäre das großartig. Der Verein bleibt aber bei seiner Linie und auf seinem Weg. Weniger ist manchmal mehr!

 

Am Samstag kommen die Füchse aus Berlin nach Mannheim. Ist das eine Art Schlüsselspiel, um zu sehen, wohin der Weg der Mannschaft führen kann?
Thorsten Storm: Das ist ein Vier-Punkte-Spiel, da die Berliner ein unmittelbarer Konkurrent im Kampf um die vorderen Plätze sind. Wer dieses Spiel gewinnt, hat ganz sicher einen Big point gemacht. Ein Spiel auf Augenhöhe.

Die gesamte Liga drückt Ihnen die Daumen, in einem möglichen Ligagipfel den THW Kiel Ende November in der SAP Arena schlagen zu können. Ist das realistisch?
Thorsten Storm: Es geht schon, aber es ist verdammt schwer. Die Berliner und auch die Hamburger hatten den THW am Rande einer Niederlage. Aber am Ende können die Kieler immer noch aus dem Vollen schöpfen und werden deshalb über die gesamte Saison gesehen die absolut besten Voraussetzungen im Kader haben. Zudem hat man sich eine große Lobby in der Liga aufgebaut. Das haben wir nicht. Aber es ist doch mal etwas Neues, wenn den Rhein-Neckar Löwen die Daumen gedrückt werden.

 

Die Trennung von Großsponsor Jesper Nielsen brachte den Klub in schwere See. Sind die finanziellen Dinge allesamt geregelt?
Thorsten Storm: Jesper Nielsen war über drei Jahre unser größter Investor. Das ist zunächst einmal positiv, wenn Geld in den Handball investiert wird. Leider wurden aber zu oft falsche Entscheidungen bei uns getroffen und zu hohe Ziele in zu kurzer Zeit formuliert. Es gab keine Geduld. Als Nielsen ausstieg, waren die Kosten zudem ja nicht weg. Heute sind die Dinge zwar intern geregelt, aber es bleibt natürlich schwierig und es liegt viel Arbeit vor uns.

Wieviel Spaß macht einem der Job als Manager in solchen Tagen überhaupt?
Thorsten Storm: Du brauchst jeden Tag das Gefühl, dass es gehen kann. Das Team um die Mannschaft herum braucht auch positive Energie. Und du brauchst den Rückhalt des Aufsichtsrates und der Gesellschafter. Aber unterm Strich waren das harte Wochen, die nach wie vor unglaublich viel Kraft kosteten.

Wie sieht die Perspektive des Klubs aus? 
Thorsten Storm: Das wird man sehen. Wir wissen, wo wir uns gegenwärtig realistisch einzuordnen haben. Wir haben den Umbruch vollzogen, uns ist die Integration der neuen Spieler ebenso gut gelungen, wie der Einbau der eigenen Nachwuchsspieler. Jetzt müssen wir schauen, dass die Entwicklung so positiv bleibt wie bisher. Wir wollen uns weiter festigen und unsere Talente richtig gut ausbilden. Und dann wird man sich eines Tages die Frage stellen, ob man versuchen möchte, die Spitze anzugreifen. Aber bis dahin wäre es noch ein sehr langer Weg, und es hängt sicher auch davon ab, wohin sich der Handball insgesamt entwickeln wird.