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Die Löwen-Bändiger

Gudmundur Gudmundsson und Tomas Svensson

In ihrem Leben dreht sich fast alles nur um Handball. „Wir sind echte Fanatiker, wahrscheinlich passen wir deshalb so gut zusammen“, sagt Gudmundur Gudmundsson und lacht. Keine Frage: Der Trainer der Rhein-Neckar Löwen und sein Assistent Tomas Svensson verstehen sich prächtig, sie liegen sowohl privat als auch fachlich auf einer Wellenlänge. Gudmundssons Lachen ist noch nicht verhallt, da erntet er bereits ein zustimmendes Kopfnicken von Tomas Svensson: „Wir sind beide verrückt nach Handball. Deswegen haben wir auch beide Probleme, an etwas anderes zu denken.“ Ab und zu gelingt ihnen das aber doch. „Man muss etwas anderes als Handball haben und auch einmal abschalten können“,  räumt Svensson ein. Der Schwede hat seine Gitarre immer griffbereit – die Musik hilft ihm, Halle und Harzkugel zu vergessen. Gudmundsson hingegen kann die Seele baumeln lassen, wenn er in seiner isländischen Heimat ist: „Beim Fliegenfischen gelingt es mir sehr gut, mich zu entspannen. Die Ruhe, die Natur – da denke ich nur daran, einen Lachs zu fangen.“

Seit September 2010 hat der vierfache Familienvater das Sagen bei den Löwen, als Nachfolger von Ola Lindgren wurde er kurz vor dem Champions-League-Auftakt beim FC Barcelona installiert. „Alles ging ganz schnell. Und dann stand plötzlich diese riesige Aufgabe vor mir. Das war sehr spannend“, erinnert sich der Isländer, der gerne an sein erstes Spiel auf der Löwen-Bank zurückdenkt. Die Badener gewannen nämlich sensationell bei den Katalanen mit 31:30. Ein Einstand nach Maß. „Innerhalb von zehn Jahren verliert Barcelona vielleicht drei Heimspiele in der Champions League“, unterstreicht Svensson, der im Juli 2011 zu den Gelbhemden kam, die historische Dimension dieses Coups. Der ehemalige Weltklasse-Torwart muss es wissen, er stand selbst von 1995 bis 2002 bei den Katalanen unter Vertrag und feierte im legendären Palau Blaugrana Titelpartys in Serie: fünf Meisterschaften, fünf Champions-League-Siege. Noch dazu lernte der 44-Jährige in der Mittelmeer-Metropole seine Frau kennen. Sie ging mit ihm nach Hamburg, Pamplona und Valladolid, mittlerweile wohnen seine große Liebe und seine drei Kinder aber wieder in Barcelona. „Wir haben unser Haus nie verkauft. Es war an der Zeit, wieder einen festen Wohnsitz, eine Heimat zu haben. Die Eltern meiner Frau wohnen dort, meine Kinder können zu Oma und Opa. Das ist die beste Lösung“, sagt der Löwen-Co-Trainer, der gerne an all seine Stationen zurückdenkt. In Pamplona bei Portland San Antonio traf er beispielsweise auf Ivano Balic, der gemeinhin als schräger Vogel und egozentrisch gilt. Svensson hat den Kroaten aber so nicht kennengelernt: „Man erlebt immer wieder Überraschungen. Von außen betrachtet denkt man oft, den mag ich und den nicht. Wer Ivano kennenlernt, der spürt ganz schnell: Das ist ein ganz feiner Kerl und ein wunderbarer Handballspieler noch dazu. Er hat unseren Sport auf ein anderes Niveau gebracht.“ Der Schwede zieht einen Vergleich zu Löwen-Abwehrchef Oliver Roggisch. „Oli genießt auch nicht überall einen guten Ruf, aber für die Mannschaft ist er ungemein wichtig. Als Torwart war ich sowieso immer der Freund von meinem besten Abwehrspieler, weil ich wusste, dass der mir hilft“, sagt der Schwede und grinst: „Harte Männer auf dem Platz müssen nicht immer zwangsläufig auch harte Männer außerhalb des Feldes sein.“

1990 war Svensson von seinem Heimatverein IF Guif Eskilstuna zu Atletico Madrid gewechselt, seinen Jugendklub hat er aber nicht vergessen. „Meine Karriere habe ich Guif zu verdanken, dort wurde der Grundstein gelegt“, sagt der Titelsammler, der in der vergangenen Saison mit den Löwen im EHF-Cup erstmals in seiner Laufbahn auf seinen Heimatverein traf. Zu einem Kurzeinsatz kam er aber nicht: „Und das war auch gut so. Ich habe schon oft gegen ehemalige Klubs gespielt. Aber Eskilstuna ist etwas anderes. Ein Einsatz gegen Guif hätte bedeutet, gegen meine Familie antreten zu müssen. Das musste nicht unbedingt sein. Schon mein Vater war dort Spieler, Trainer und im Vorstand. Mein Bruder Håkan ist Jugendtrainer und auch meine drei kleinen Neffen spielen dort.“ Keine Frage: Svenssons Herz hängt nach wie vor an diesem Klub.

Gudmundsson kann das gut nachvollziehen. Für Víkingur Reykjavík empfindet er das Gleiche wie sein Co-Trainer für Eskilstuna. Mit dem isländischen Traditionsverein feierte der 1,75-Meter-Mann als Spieler sechs Meisterschaften und sechs Pokalsiege. „In diesem Klub bin ich groß geworden, die Erfolge bedeuten mir sehr viel“, sagt der 52-jährige Isländer, der für Víkingur nicht nur als Handballer aktiv war, sondern auch als Fußballer: „Ich habe sogar drei Erstligaspiele bestritten. Für viele kam es daher überraschend, als ich mich dann doch für Handball entschied. Im Nachhinein kann ich sagen, dass es die richtige Entscheidung war.“Aus der Spieler- wurde eine Trainerkarriere – und daran hatte auch der ehemalige isländische Nationalcoach Bogdan Kowalczyk seinen Anteil: „Von ihm habe ich viel gelernt. Bogdan hat für den isländischen Handball Unglaubliches geleistet, die Trainingsqualität verbessert und war ein großer Taktiker. Er hat meine Karriere beeinflusst.“ Ein Vorbild für ihn sei zudem immer die schwedische Nationalmannschaft in den 90er Jahren gewesenen. Die „Tre Kronor“ räumten fast alles ab, im Mittelpunkt standen Stars wie Staffan Olsson, Magnus Wislander, Magnus Andersson – und Tomas Svensson. „Das war eine der besten Mannschaften, die ich jemals gesehen habe. Wir schauten immer, was die Schweden machten. Die Grundlage war stets eine sehr gute Abwehr mit einem Weltklasse-Torwart“, versteckt Gudmundsson ein Kompliment an seinen jetzigen Assistenten. Doch der will das Lob nicht allein einheimsen und flüstert dem Isländer schnell noch zwei Namen zu: „Mats Olsson, Peter Gentzel.“  Svensson ist es wichtig, das Kollektiv herauszustellen. „Wir haben als Mannschaft einfach unheimlich gut harmoniert“, erklärt der zweifache Welt- und dreifache Europameister das skandinavische Erfolgsrezept: „Wir haben immer versucht, uns weiterzuentwickeln und im Erfolg nicht nachzulassen. Vor jedem Turnier haben wir uns gesagt, dass wir es wieder gewinnen wollen. Das ging viele Jahre gut, manchmal wurden wir auch im Halbfinale gestoppt. Aber wir waren immer vorne dabei.“

Zu einem Titel mit der isländischen Nationalmannschaft reichte es zwar nicht, die olympische Silbermedaille 2008 in Peking fühlt sich für Gudmundsson aber auch ein wenig golden an. Der Siegeszug der kleinen Handball-Nation wurde erst im Finale von Frankreich gestoppt. „Ein unglaubliches Erlebnis“, erinnert sich Gudmundsson, der von 2001 bis 2004 und von 2008 bis 2012 die Auswahl seines Heimatlandes betreute. 2010 war EM-Bronze ein weiterer Höhepunkt, dazu kamen zahlreiche gute Platzierungen. „Ganz ehrlich, was die Isländer machen, grenzt an ein Wunder“, zollt Svensson dem Inselstaat mit seinen 319 000 Einwohnern Respekt. Der Schwede nahm an drei Olympischen Spielen teil, verlor drei Mal das Finale – und nimmt das sportlich: „Ich habe nicht Gold verloren, sondern Silber gewonnen. Es gibt mehr Spieler, die ganz ohne Medaille nach Hause gefahren sind.“

Gudmundsson war sogar bei fünf Olympischen Spielen dabei, 1984 und 1988 als Spieler, 2004, 2008 und 2012 saß er auf der Trainerbank. „Als Spieler habe ich das intensiver erlebt. Ein Trainer ist zwischen den Partien zu sehr mit dem nächsten Gegner beschäftigt und schaut Videos. Da bleibt nicht viel Zeit, das Drumherum zu genießen“, erklärt der Isländer. Seiner Meinung nach stünden bei Olympischen Spielen ohnehin mehr die Athleten im Vordergrund: „Ein Trainer bekommt keine Medaille. Das ist schon recht merkwürdig, denn er steht auf dem Spielberichtsbogen, nimmt Einfluss auf seine Mannschaft und kann bestraft werden.“ Dennoch sind Olympische Spiele zweifelsohne auch das Größte für einen Coach – aber auch das Schwierigste. Gerade im Vorfeld. Gudmundsson denkt an unzählige Trainingseinheiten zurück, in denen die Profis um ihr Olympia-Ticket kämpften. Doch dann kam stets der unvermeidbare Augenblick, in dem er seinen endgültigen Kader nominieren und noch einen Spieler aussortieren musste. „Drei Mal musste ich solch eine Entscheidung treffen. Diesen Jungs dann zu sagen: ,Ihr habt super trainiert, ihr habt alles gegeben, es haben Kleinigkeiten entschieden – aber Du fährst nicht mit.‘ Das ist wirklich das Schlimmste für einen Trainer. In diesen Augenblicken zerstöre ich einem Spieler kurz vor dem Ziel seinen großen Traum.“ Doch auch das gehöre eben zu den Aufgaben eines Trainers, wie Gudmundsson einräumt: Manchmal müsse man unbequeme Entscheidungen treffen. Bei den Löwen berät er sich dabei mit Svensson. In der Kronauer Trainingshalle haben die beiden Handballverrückten ihr eigenes Büro, ihre Kommandozentrale: zwei Schreibtische, zwei Laptops. Hier werden Gegner analysiert, Pläne geschmiedet. „Tomas bringt unglaublich viel Erfahrung ein“, freut sich Gudmundsson, den Schweden an seiner Seite zu wissen: „Es ist wichtig, einen Spezialisten für die Torwartposition im Team zu haben.“ Längst beschäftige sich der 44-Jährige aber nicht mehr nur mit den Keepern: „Er hat viel dazugelernt.“

Svensson hört dem Trainer aufmerksam zu, wieder nickt er mit dem Kopf: „Ich spüre, dass ich mich als Handballer weiterentwickelt habe. Mein ganzes Leben als Profi habe ich hinter einer Abwehr gestanden und das Spiel von hinten gesehen. Jetzt verfolge ich eine Begegnung anders, beschäftige mich auch mit Angriffstaktik. Das musste ich ja früher nie. Gudmundur sieht immer neue Dinge und achtet auf Details, die er verbessern will. Das Ergebnis sehen wir in dieser Saison.“ Svensson fühlt sich wohl in seiner Rolle als Assistent, er hat Abstand zu seiner Spielerkarriere gewonnen. Im Training stellt sich der Modellathlet aber noch ab und zu zwischen die Pfosten. „Die Jungs haben es nicht so einfach gegen ihn“, verrät Gudmundsson, dass sein Assistent keine Geschenke verteilt: „Er ist unheimlich ehrgeizig, das treibt auch mich an.“ Außerdem gebe es einen guten Grund, hart für den Erfolg zu arbeiten, erzählt der Isländer. „Der Schmerz über eine Niederlage ist größer als die Freude über einen Sieg.“ Und deswegen wird alles dem nächsten Spiel, dem nächsten Gegner untergeordnet. Doch ab und zu muss auch der Chef abschalten, was nicht immer ganz leicht fällt. Svensson weiß, dass er es da einfacher hat: „Gitarre kann ich immer spielen, aber zum Angeln kann Gudmundur nicht mal eben in den Garten gehen.“