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Eine Reise in die Vergangenheit

Besser gemeinsam: Róbert Gunnarsson kehrt in Hoffenheim zurück ins Fußballtor

Eigentlich war das „Probetraining“ von Róbert Gunnarsson und Tom Starke schon beendet, als die beiden Profi­s immer noch zusammenstanden und sich angeregt unterhielten. Schließlich gibt es viel zu erzählen, wenn sich zwei Stars aus unterschiedlichen Sportarten treffen. Im Grunde eint sie vieles, weil sie ihr Hobby zum Beruf machen konnten und ihr Talent durch hartes Training soweit verbesserten, um jetzt damit Geld zu verdienen. Andererseits leben sie doch in unterschiedlichen Welten, denn das Leben eines Hand- und Fußballers kennt nicht zu viele Gemeinsamkeiten. Sichtbar wurde auf der perfekten Trainingslage der TSG 1899 Hoffenheim schnell eins: Der Torwart und der Kreisläufer genossen die Möglichkeit, über den Tellerrand hinauszuschauen und bekamen einen kleinen Einblick in die Welt des anderen.

Für Starke, der im Juli 2010 aus Duisburg kommend in den Kraichgau wechselte, war es bereits die zweite Berührung mit den Löwen, denn vor ein paar Monaten hatte er sich mit „Torhüter-Kollege“ Henning Fritz zu einem gemeinsamen Interview getroffen. „Der Henning ist völlig Banane“, eröffnete der 30-Jährige das Gespräch und musste dabei kräftig lachen. „Wer Torwart ist und aus Ostdeutschland stammt, kann nicht ganz klar im Kopf sein“, fügte er an. Zum Verständnis: Starke ist in Dresden aufgewachsen, Fritz in Magdeburg. Schnell wurde deutlich, dass der Keeper der Hoffenheimer eine angenehme Persönlichkeit ist und gar nicht dem Vorurteil des arroganten Fußballers entspricht.

Starke besitzt darüber hinaus eine überdurchschnittliche Portion Humor und hat die Fähigkeit, sich selbst nicht zu wichtig zu nehmen. Nur deshalb konnte sich sein Trainer Holger Stanislawski vor ein paar Wochen einen Scherz erlauben, indem er in einem Interview mit Augenzwinkern davon sprach, dass Starke sich einen neuen Verein suchen kann. Begründung: Der Torhüter habe Mannschaftsinterna ausgeplaudert, als er die Kabinenansprache des Coaches in der Öffentlichkeit lobte. „Die Aktion war nicht abgesprochen“, berichtete Starke, der den ironischen Ansatz seines Trainers auf Anhieb verstanden hatte.

Das Eis zwischen Gunnarsson und Starke war in jedem Fall sofort gebrochen – eigentlich war es überhaupt nicht vorhanden. Und weil Starke den Grund kannte, warum ausgerechnet der isländische Kreisläufer zum Torwarttraining ins 1899-Trainingszentrum in Zuzenhausen gekommen war, gab es reichlich Gesprächsstoff.

„Du hattest wirklich ein Probetraining in England?“, fragte der Hoffenheimer neugierig. Er musste sich von dem Wahrheitsgehalt seiner Information direkt überzeugen, schließlich hört sich die Geschichte ziemlich ungewöhnlich an. Aber es stimmt, Gunnarsson, der bis zum Alter von 18 Jahren auf Island sowohl Hand- als auch Fußball spielte, absolvierte einige Trainingseinheiten beim englischen Traditionsverein Aston Villa. Bei den Fußballern wohlgemerkt, die den Junioren-Nationaltorhüter testeten. „Es war spannend und nach ein paar Tagen wurde mir gesagt, ich solle in ein paar Monaten noch einmal wiederkommen, aber im Augenblick sei ich noch einen Tick zu schwer“, erzählte Gunnarsson.

Soweit kam es letztlich nicht mehr, denn kurz nach dem Training in Birmingham zündete die nächste Stufe seiner Handballer-Karriere und als Kreisläufer war seine kompakte und kräftige Statur eher ein Vor- denn ein Nachteil. In Dänemark entwickelte sich der Isländer zu einem Kreisläufer von internationalem Format weiter und wechselte von dort schließlich in die Bundesliga – zunächst zum VfL Gummersbach, ehe er bei den Löwen anheuerte.

Genauso erfolgreich wie Gunnarsson als Fußballer war Starke als Handballer nicht, doch seine ersten Schritte im Tor machte er im kleineren Gehäuse. Beim Dresdner Vorortklub SG Kurort Hartha, begann er als Handballer, weil sein Vater lieber mit dem kleineren Ball unterwegs war. „Im zweiten Jahr habe ich dort im Tor gespielt“, erinnert er sich zurück. Als er ein Jahr später zu den Fußballern wechselte und durch seine sportliche Vergangenheit bereits daran gewöhnt und in der Lage war, einen Ball zu fangen, war der Weg ins Fußballtor vorgezeichnet. „Ursprünglich wollte ich nicht zwischen die Pfosten, aber ich war eben geeignet“, sagt Starke, der diese wegweisende Entscheidung rückblickend natürlich positiv bewertet.

Den Schritt hin zum Profifußballer machte Starke nach seiner Jugendzeit bei Dynamo Dresden in Leverkusen, wo er als junger Spieler und zweiter Torwart die erfolgreichste Spielzeit in der Klubgeschichte hautnah miterlebte. In der Saison 2001/02 war Bayer unter Coach Klaus Toppmöller eigentlich die Mannschaft des Jahres und am Ende trotzdem enttäuscht. Denn nach dem unglücklichen zweiten Platz in der Meisterschaft und dem verlorenen Pokalfinale gegen den FC Schalke reichte es auch im Endspiel der Champions League nicht zum großen Wurf. Im Finale gegen das große Real Madrid unterlagen die Leverkusener knapp mit 1:2 – und Starke war auf der Bank live dabei. „Es war eine tolle Saison, nur die drei letzten Wochen würde ich gerne vergessen“, blickt der Keeper zurück und ist trotzdem froh, die Erfahrungen gesammelt zu haben. „Allein die zwei Tage vor dem Champions-League-Endspiel waren unheimlich aufregend und spannend“, so Starke.

Den Flair des internationalen Fußballs spürte er anschließend nicht mehr, hat aber weiterhin die Hoffnung, es noch einmal zu erleben. Vielleicht gelingt der Sprung in den internationalen Wettbewerb zeitnah mit der TSG 1899 Hoffenheim. Über reichlich internationale Erfahrung verfügt hingegen Gunnarsson, der mit dem Europapokal der Pokalsieger und dem EHF-Cup sogar schon zwei kontinentale Titel mit dem VfL Gummersbach holte. Außerdem stand er bereits im Endspiel des Olympischen Turniers, welches er mit der isländischen Nationalmannschaft aber gegen Frankreich verlor.

Bei angenehm wärmenden Sonnenstrahlen wollten Gunnarsson und Starke nach dem ersten „Beschnuppern“ schließlich Taten folgen lassen und stellten sich abwechselnd ins 7,32 Meter breite Tor. Zunächst warfen sie sich nur ein paar Bälle zu, doch bald packte den Isländer der Ehrgeiz und er forderte seinen Gegenüber auf, die Kugel genauer in die Ecken zu platzieren – und die Flugshow konnte beginnen. Katzengleich segelte Gunnarsson fortan durch den Kasten, um die Bälle von Starke zu parieren. Nicht in jedem Fall gelang dies, doch in jedem Fall wurde deutlich, dass der Kreisläufer der Löwen auch im Fußballtor eine gute Figur abgibt.

„Man sieht, dass er die Torhüter-Bewegungen drauf hat. Wenn sich die Feldspieler beim Fußball mal ins Tor stellen, sieht das ganz anders aus“, lobte Starke seinen Trainingsgast. Der hatte seine alten Torwarthandschuhe und Kickstiefel zwar auf Island gelassen – „die sind zehn Jahre alt und nicht mehr schön“ – bewies aber auch ohne Spezialausrüstung, dass er einst nicht zufällig zu den Nachwuchshoffnungen der isländischen Fußballer zählte.

„Meinen Respekt“, zollte Starke dem Können Gunnarssons Anerkennung, ehe sich die beiden Sportler über ihre Teams unterhielten. „Ihr seid letztes Jahr Vierter geworden, oder?“, fragte Starke und der Isländer war überrascht ob des Detailwissens des Keepers. „Ja, und dieses Jahr wollen wir uns verbessern“, antwortete er bestimmt. „Unser Ziel ist dieses Jahr ein einstelliger Tabellenplatz, aber nächste Saison muss es dann weiter nach oben gehen“, hat sich Starke vorgenommen. Mit dem neuen Trainer Stanislawski soll der positive Trend fortgeführt werden.

Starke kommt sein jugendlicher Ausflug in die Welt des Handballs übrigens in seinem Job als Fußball-Torwart entgegen. In den zurückliegenden Jahren haben sich die Schlussmänner bei den Kickern nämlich einige Dinge bei den Handball-Keepern abgeschaut: „Es bringt Dich immer weiter, wenn du über den Tellerrand hinausblickst“, erklärte Starke und von den Handballern kann man beispielsweise lernen, wie man geschickt den Winkel verkürzt und es dem gegnerischen Angreifer so erschwert, die Lücke zu finden. „Auch die Tatsache, lange stehen zu bleiben und zu erkennen, wohin der Ball geworfen wird, haben die Handballer perfektioniert.“

Vor ein paar Jahren nutzte Starke während seiner Zeit beim Hamburger SV die Möglichkeit, mit Goran Stojanović, nicht verwandt mit dem heutigen Löwen-Keeper, zu trainieren. Stojanović war damals Torhüter bei den Handballern des HSV Hamburg und Starke war beeindruckt, über welche Fähigkeiten er verfügte. „Es war verblüffend, wie Goran schon vor dem Wurf erkennen konnte, in welche Richtung der Ball kommt“, staunte der Fußball-Goalie und schaute sich ein paar Kleinigkeiten ab.

Möglicherweise will der Hoffenheimer in nächster Zeit die Chance nutzen und nochmals Kontakt zu Henning Fritz aufnehmen. Mit dem Typen, den er zunächst und im Scherz als „völlig Banane“ bezeichnete, könnte er einige Trainingseinheiten absolvieren, wovon dann wohl beide profitieren würden. „Mal schauen, aber das machen wir dann nicht öffentlich“, sagte Starke augenzwinkernd.

Eine Gemeinsamkeit entdeckten der Handball-Kreisläufer und der Fußball-Torwart ganz am Ende: Beide haben bereits ein paar Jahre in Köln gelebt. Starke während seiner Zeit bei Bayer Leverkusen, Gunnarsson in seiner Gummersbacher Zeit. „Eine tolle Stadt“, waren sie sich schnell einig, können jetzt aber auch die Rhein-Neckar-Region genießen. „Die Landschaft ist herrlich und der Kraichgau ist besonders für die Kinder toll“, berichtete Starke, der mit seiner Familie unmittelbar in der Nähe des Trainingszentrums in Zuzenhausen lebt. Letztlich sind sich Gunnarsson und Starke relativ ähnlich, auch wenn sie ein Stück weit in fremden Welten zuhause sind. Und deshalb drückte Starke beim Heimspiel gegen den HSV Hamburg live vor Ort die Daumen. „Gegen die Hamburger kann ich dabei sein“ sagte er wenige Tage vor der Partie. „Meist ist es aber schwer, die Spiele zu sehen, weil wir parallel unterwegs sind“, erklärte der Keeper. „Ich war bisher einmal live bei den Löwen und das war letzte Saison ebenfalls gegen Hamburg“, berichtete Starke. Damals verloren die Badener. „Bist du abergläubisch?“, fragte der Hoffenheimer seinen Gegenüber. Als der verneinte, waren beide beruhigt – und mussten lachen. Die Löwen gewann mit Starkes Unterstützung 33:29.