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„Mit dem Erfolg steigen auch die Erwartungen“

Löwen-Linksaußen Stefan Sigurmannsson im Interview

Die Rhein-Neckar Löwen erwarten am Samstag die TSV Hannover-Burgdorf in der Mannheimer SAP Arena. Anwurf ist um 19 Uhr, die Halle öffnet um 18 Uhr, es gibt noch Tickets an der Abendkasse. Vor der Partie gegen die Niedersachsen sprachen wir mit dem Linksaußen Stefan Sigurmannsson.

Stefan, in der Champions League hast du zuletzt viel Einsatzzeit bekommen. Wie sehr hat dich das gefreut?

Stefan Sigurmannsson: Es ist immer ein gutes Gefühl, auf dem Feld zu stehen. Dort fühle ich mich wohl. Wenn ich gebraucht werde, will ich meine Leistung bringen.

In St. Petersburg hast du von sieben Würfen sieben im Netz untergebracht. Woher kommt diese Sicherheit, wenn doch eigentlich die Spielpraxis fehlt?

Sigurmannsson: Ich mache mir nicht so viele Gedanken, wenn ich nicht spiele. Vielmehr versuche ich, mich immer weiter zu verbessern. Wenn ich draußen sitze, bin ich auch voll konzentriert und darauf vorbereitet, sofort da zu sein, wenn ich reinkomme.

Ihr seid mit den Löwen unheimlich viel unterwegs. Wie hast du die wenige Freizeit zwischen Weihnachten und Europameisterschaft verbracht?

Sigurmannsson: Ich war in Island. Silvester ist praktisch der einzige Feiertag im Jahr, den ich mit meiner Familie verbringen kann. Weihnachten, Ostern – wir spielen immer. Aber an Silvester haben auch wir mal frei. Ich genieße diese Zeit, wir haben den Jahreswechsel mit einem tollen Feuerwerk und gutem Essen gefeiert. Es war wunderschön. 

Gilt das auch für die Europameisterschaft?

Sigurmannsson: Ich finde, mit dem fünften Platz können wir sehr, sehr zufrieden sein. Wir haben richtig gut gespielt, mit Spanien, Frankreich, Dänemark und Kroatien standen die stärksten vier Mannschaften im Halbfinale. Aber danach kamen wir schon – und das mit einer sehr jungen Mannschaft. Das gibt uns Hoffnung für die Zukunft. Es kommen gute Jungs nach.

Trotzdem: Werdet ihr nicht immer noch an der olympischen Silbermedaille von 2008 gemessen?

Sigurmannsson (lacht): Ja, irgendwie schon. Handball genießt in Island einen ganz hohen Stellenwert, durch diese Silbermedaille hat sich die Bedeutung noch einmal erhöht. Manchmal ist es ein bisschen schwierig, immer noch an 2008 gemessen zu werden. Man kann die damalige und die jetzige Mannschaft nicht miteinander vergleichen. Aber so ist es eben im Sport: Wenn du Erfolg hast, steigen auch die Erwartungen. Wir werden versuchen, diesen gerecht zu werden. Und der fünfte Platz bei der Europameisterschaft war ein guter Anfang.

Wie hast du die Silbermedaille von Peking 2008 erlebt?

Sigurmannsson: Ich war damals gerade einmal 18 Jahre alt und noch kein Nationalspieler. Ich war nur Zuhause und habe Fernsehen geschaut. Das war ein geiles Turnier. Gudmundur Gudmundsson hat das als Nationaltrainer wirklich gut gemacht. Alle waren sehr, sehr stolz.

Island ist ein kleines Land, eure Nationalmannschaft gehört aber zur Weltspitze. Wie macht ihr das?

Sigurmannsson: Wie ich schon sagte, Handball ist sehr populär bei uns auf der Insel. Wenn die Nationalmannschaft spielt, sitzt das ganze Land vorm Fernseher. Und dann eifern die kleinen Jungs uns nach. So geht das schon seit Jahren.

Was zeichnet den isländischen Handball aus?

Sigurmannsson: Unsere Mentalität. Wir geben niemals auf, sind sehr ehrgeizig und haben ein großes Herz. Wir denken immer, dass wir jeden schlagen können.

Ihr seid aber auch alle sehr gut ausgebildet.

Sigurmannsson: Das stimmt, es gibt einfach viele unglaublich gute Jugendtrainer in den Vereinen. Zahlreiche ehemalige Profis sind als Sportlehrer oder Handballtrainer tätig. Das hilft natürlich ungemein.

Du bist auch ein großer Fußball-Fan. Island hat die Qualifikation für die WM verpasst.

Sigurmannsson: Unsere Fußballer sind leider nicht ganz so gut.

Jetzt bist du aber streng. Immerhin reichte es für die Play-offs.

Sigurmannsson: Aber gegen Kroatien hatten wir keine Chance, obwohl das ganze Land schon vorher verrückt gespielt hat und sich sicher war: Wir fahren zur WM. Da haben wir wieder geglaubt, dass wir jeden schlagen können (lacht).

Zurück zum Spielplan der Löwen: Nach der EM-Pause ging es gleich im Drei-Tage-Rhythmus weiter. Hättest du dir einen etwas weniger stressigen Einstieg in die Rest-Rückrunde gewünscht?

Sigurmannsson: Ich liebe Handball und freue mich auf jedes einzelne Spiel. Dieser Sport gibt mir sehr viel. Deswegen stört es mich auch nicht, dass es nach der Europameisterschaft gleich mit den Löwen in der Bundesliga und der Champions League weiterging. Weißt du: Ich bin noch ein junger Kerl. Wenn ich meine Karriere irgendwann einmal beendet habe, werde ich wahrscheinlich noch genug Freizeit haben (lacht). Jetzt ist Handball mein Lebensmittelpunkt.

Immerhin halten sich die Reisen zurzeit in Grenzen.

Sigurmannsson: Das stimmt, im Gegensatz zur Hinrunde sind wir jetzt bis zum Saisonende nicht mehr so viel unterwegs. Die aktuelle Phase ist wirklich ganz gut. Wir mussten bislang nur in Flensburg und St. Petersburg auswärts ran.

Apropos Auswärtsspiele: Eine richtig schwere Aufgabe hattet ihr im Pokal-Achtelfinale in Kiel. War das der Höhepunkt der bisherigen Saison?

Sigurmannsson: Ja, bislang schon. Es wäre aber nicht schlecht, wenn wir das noch mit dem Titel steigern könnten (lacht). Wir wussten, dass der THW im Pokal 23 Jahre nicht mehr verloren hatte in eigener Halle. Das war ein zusätzlicher Anreiz für uns. Wir wollten diese Serie unbedingt beenden und zeigen, dass wir mit den Besten der Welt mithalten können.

Nun seid ihr nach dem Sieg über Bad Schwartau sogar im Final Four.

Sigurmannnsson: Es ist traumhaft, dass wir das erreicht haben. Unser Weg dorthin war ja nicht ganz so einfach (lacht). Ich kenne das Final Four seit vielen Jahren nur als Fernsehzuschauer. Umso glücklicher bin ich, dass ich jetzt mal selbst dort sein darf mit den Löwen. Ein paar Jungs aus unserer Mannschaft waren ja schon mehrmals dabei. Sie haben gesagt, das sei ein überragendes Wochenende. Ich freue mich darauf.

Oliver Roggisch wünscht sich zum Karriereende den Pokalsieg. Bekommt ihr das irgendwie hin?

Sigurmannsson: Der Pokalsieg wäre ein toller Abschluss seiner Karriere, das steht außer Frage. Und natürlich wäre solch ein Erfolg auch schön für uns (lacht). Oli hat eine grandiose Laufbahn hinter sich, ist ein vorbildlicher Profi und wir jungen Spieler können sehr viel lernen von ihm. Zum Beispiel, wie wichtig individuelles Training ist.

Umso schöner ist es wahrscheinlich, dass er euch auch nach dieser Saison erhalten bleibt.

Sigurmannsson: Absolut. Ich bin sehr glücklich, dass Oli uns nicht ganz verlässt. Er ist sehr wichtig für die Mannschaft und sorgt immer für gute Stimmung. Einen wie ihn hat man gerne im Team, einen wie ihn braucht man einfach.

Was ist in der Bundesliga möglich, greift ihr den Tabellenführer THW Kiel noch einmal an?

Sigurmannsson: Wir müssen erst einmal unsere Aufgaben lösen. Das heißt: Gegen Hannover wollen wir die nächsten zwei Punkte. Leider gab es in dieser Saison nicht nur einen Höhepunkt wie in Kiel, sondern auch einen bösen Rückschlag. Die Niederlage in Lübbecke tut immer noch weh. Der Abstand zum THW in der Tabelle wäre kleiner, wenn wir dort nicht verloren hätten. Es ist wirklich ärgerlich, dass wir dort unsere Fans enttäuscht haben.