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Nielsen: Es ist angerichtet für unseren ersten Titel

Heidelberg. Jesper Nielsen und Thorsten Storm sind die Baumeister der Rhein-Neckar Löwen. Nielsen fungiert als Aufsichtsrats-Vorsitzender, Storm als Manager und Geschäftsführer. Im Vorfeld der neuen Saison nahmen sich beide Zeit für ein Interview mit der RNZ.

Thorsten Storm, Jesper Nielsen, mit welchen Zielen starten die Löwen in die neue Saison?

Thorsten Storm: Es sind die gleichen Ziele wie im zurückliegenden Jahr. Wir wollen möglichst alle Spiele gewinnen und zudem einen attraktiven Handball spielen. Wichtig ist dabei eine deutlich größere Stabilität in der Liga. Hier darf es die Aussetzer der vergangenen Saison nicht mehr geben. Im Pokal oder auf europäischer Ebene waren wir stark.

Jesper Nielsen: Nur wenn man sich hohe Ziele setzt, wird man etwas erreichen. Dazu muss bei den Löwen in der neuen Spielzeit 2010/11 mehr Konstanz an den Tag gelegt werden. Wir wollen auf alle Fälle besser abschneiden als in der zurückliegenden Saison. Wenn möglich in allen drei Wettbewerben, in denen wir an den Start gehen.

Es sind vier neue Spieler verpflichtet worden, die reichlich Qualität mitbringen. Demnach ist der Abstand zu Kiel und Hamburg wieder etwas kleiner geworden, oder?

Storm: Hamburg und Kiel haben sich durch ihre Neuzugänge ja nun auch nicht verschlechtert. Aber wir schauen nur auf uns und unsere eigene Leistung. Wenn diese stimmt, dann können uns die vier Neuen sicher dabei helfen, den Abstand zu verkleinern.

Nielsen: Dass der Abstand zu diesen beiden Spitzenteams immer kleiner wird, ist grundsätzlich das Ziel unseres Teams. Dazu gehören auch die vier Neuzugänge.

Was fehlt den Löwen noch, um endgültig zu diesen beiden Mannschaften aufschließen zu können?

Storm: Der erste Titel. Aber wenn man in vielen Endspielen dabei ist, passiert es irgendwann zwangsläufig. Auch bei den Löwen.

Nielsen: Ja, ein Titel auf dem Briefkopf würde sehr gut aussehen und würde den Glauben an sich und die eigene Stärke vergrößern sowie Selbstvertrauen vermitteln. Es wäre wie eine Befreiung, die zusätzlich Kräfte freisetzen würde.

Zuletzt hat Heiner Brand die Einkaufspolitik der Löwen kritisiert. Wie wurde das im Löwen-Lager aufgenommen?

Storm: Ich finde es nicht gut, wenn sich ein Nationaltrainer ständig zu Vereinsmannschaften äußert. Auf der anderen Seite wäre es ebenfalls nicht gut, wenn wir uns ein Urteil über Ergebnisse der Nationalmannschaft erlauben. Dazu fehlt der Einblick und die Nähe und es ist zudem überflüssig, sich gegenseitig zu kritisieren. 

Nielsen: Kritik gehört zum Leben. Sie muss allerdings fundiert sein, nur dann bringt sie auch etwas – für beide Seiten.

Mit Gudmundur Gudmundsson kommt ein weiterer Fachmann hinzu, der als Bindeglied zwischen den Löwen und AG Kopenhagen fungieren soll. Was erhofft man sich von dieser Personalie? Und was wird Gudmundsson, der gleichzeitig noch die isländische Nationalmannschaft trainiert, genau machen?

Storm: Gudmundur ist ein Handball-Workaholic. Er hat neben seiner Tätigkeit als Nationaltrainer Islands, diesen Nebenjob als rechte Hand unseres Hauptgesellschafters Jesper Nielsen für beide Vereine und die Kooperation übernommen. Wir verstehen uns gut und jeder bringt seine Stärken ein. Bei sportlichen Entscheidungen und der Sichtung von Spielern wird er uns mit Sicherheit weiterbringen. Und das ist bei den heutigen Investitionen im sportlichen Bereich bei beiden Projekten in Dänemark und hier bei uns in Mannheim sehr wichtig.

Nielsen: Gudmundur ist ein absoluter Fachmann und international anerkannter Trainer. Er wird diese beiden Klubs wieder ein Stück weiter nach vorne bringen. Zu seinen Aufgaben gehören natürlich die genaue Abstimmung mit den Trainern beider Vereine, die Verantwortlichkeit für Spielersichtungen und der Einkauf sowie das Nachwuchs-Scouting. Wenn es um Spielerverträge geht, folgt logischerweise die Abstimmung mit den beiden Managern der Klubs, Sören Colding für Kopenhagen und Thorsten Storm für die Rhein-Neckar Löwen. Geplant ist, dass er 50 Prozent der Zeit in Deutschland und 50 Prozent in Dänemark verbringt. In Kopenhagen und in Mannheim wird er versuchen, so viele Spiele wie möglich und Trainingseinheiten wie möglich zu sehen.

Es ist auffällig, dass mittlerweile eher junge Spieler für die Löwen verpflichtet werden. Steckt da eine neue Philosophie dahinter?

Storm: Wir möchten diese Spieler möglichst langfristig zusammenhalten. Mittlerweile sind die Löwen auch für Topspieler eine gute Adresse in Europa. Veränderungen in dieser langfristigen Planung können nur schwere Verletzungen heraufbeschwören. Ansonsten steht nun Kontinuität ganz oben auf unserer Liste.

Nielsen: Zu einer langfristigen Planung gehören junge Spieler dazu. Das bedeutet Kontinuität und das ist das zweite K-Wort – neben der Konstanz – das sich die Löwen für die nächste Zeit auf die Fahne geschrieben haben.

Wie wichtig ist das Erreichen der Champions League für die Rhein-Neckar Löwen?

Storm: Die Löwen haben den sportlichen Anspruch und auch den Kader, der nur in der Champions League spielen darf.

Nielsen: Eine Mannschaft mit dieser Qualität gehört in die europäische Königsklasse, das muss der Anspruch sein.

In einem anderen europäischen Wettbewerb wäre der erste Titelgewinn aber leichter zu realisieren…

Storm: Das ist wohl wahr. Ein deutscher Teilnehmer in diesen Wettbewerben ist immer der große Favorit, weil es zumeist gegen Handball-Exoten geht, die gerade am Anfang des Wettbewerbs lediglich deutsches Zweitliga-Niveau besitzen. Es hat nicht den sportlichen Wert, das wissen auch unsere Spieler und Fans.

Nielsen: Stimmt, aber wie schon eingangs gesagt, nur wer sich hohe Ziele setzt, kann auch etwas erreichen.

Werden die AG Kopenhagen und die Rhein-Neckar Löwen künftig noch enger zusammenrücken?

Storm: Es sind zwei getrennte Vereine mit eigenen Strukturen, zwei eigenen sportlichen Leitungen und eigenen Spielern. Lediglich der Hauptsponsor ist der gleiche. Das gab es zwischen Flensburg und Kiel auch lange Jahre. Aber durch die Kooperation und Gudmundur werden wir alle von der jetzigen Nähe profitieren. Nicht nur im Sport, denn in Kopenhagen musste alles sehr schnell gehen. Genau wie bei uns. Jedes zusätzliche Entwicklungsjahr kostet viel Geld. Was Struktur, Marketing und Netzwerke betrifft, wird beispielsweise die AG Kopenhagen stark von den Löwen profitieren. Bei Spielern kann es auch andersherum laufen, wie man bei Thomas Bruhn gesehen hat.

Nielsen: Wie Thorsten schon gesagt hat, es sind zwei getrennte Vereine, aber wenn etwas gut ist, beispielsweise in Struktur oder Marketing, warum sollte dann der Kooperationspartner nicht davon profitieren – man muss das Rad nicht immer neu erfinden.

Auch die Jugendarbeit im Kronauer Leistungszentrum soll intensiviert werden…

Storm: Ja, auch hier werden wir enger zusammenrücken. Rolf Bechtold wird zusammen mit Gudmundur Gudmundsson, Kent-Harry Andersson und auch unserem Cheftrainer Ola Lindgren zusammenarbeiten. Die zweite Mannschaft muss nach diesem „Betriebsunfall“ schnell wieder auf Regionalliga-Niveau. Und wir möchten im Internat die besten deutschen Talente fördern. Auf europäischer Ebene ist Gudmundur hingegen schon sehr weit. In Deutschland gibt es mit Friesenheim eine Zusammenarbeit. In Kopenhagen mit Malmö. Hier werden Spieler ausgebildet. Nur so geht’s.

Nielsen: Keine Frage, die Talentförderung und -sichtung nimmt einen hohen Stellenwert ein. National und international, da muss jedes Rädchen ins andere greifen. 

Bei den Löwen hat sich in den letzten Jahren viel getan. Wie ist die Entwicklung zu bewerten?

Storm: Wir gehören zu den Top-Adressen in Europa. Die Struktur um den Verein hat sich klar und deutlich in eine gute Richtung entwickelt. Wir haben Förderer um den Verein gefunden, die nicht nur wirtschaftlich, sondern mit viel Herz und Leidenschaft hinter der Mannschaft stehen. Und wir haben Spieler im Kader, mit denen sich die Fans identifizieren. Wir müssen niemanden überzeugen, sich von der SG Leutershausen abzuwenden, die er seit 20 Jahren unterstützt. Aber wir sind der Verein für die gesamte Region und spielen auch mal ohne Honorar für einen solchen Klub, der auf einem guten Weg ist. Und wenn wir dabei einige neue Freunde für die Rhein-Neckar Löwen gewinnen, die sagen am zweitliebsten habe ich die Löwen, dann war es gut so.

Nielsen: Der Klub hat in den zurückliegenden Jahren in allen Bereichen einen großen Schritt nach vorn gemacht und sich zu einer absoluten Spitzenmannschaft gemausert. Die wirtschaftlichen Voraussetzungen wurden auf ein hohes Niveau gehoben, die Strukturen sind sehr professionell, wir haben die Qualität auf der Platte sukzessive gesteigert. Es ist also angerichtet; für unseren ersten Titel.

Wo stehen die Löwen in fünf Jahren? Und wo sollen sie stehen?

Storm: Ich wünsche mir, dass unser Klub weiterhin diesen Weg konsequent verfolgt und solide auf einer wirtschaftlich breiten Basis steht. Dass in allen Bereichen professionell weitergearbeitet wird und viele Fans in die SAP Arena kommen. Die Mannschaft muss immer wieder neu verstärkt werden, im nächsten Jahr im Tor. Und ich wünsche mir natürlich auch den ersten Vereinstitel. Das wäre ein Segen für die gesamte Region hier.

Nielsen: Konstanz und Kontinuität sind von Erfolg gekrönt und wir haben dafür eine Vitrine in der Geschäftsstelle stehen. 

Kasa Szmal wird die Löwen nach der Saison verlassen, hat man sich schon nach einem Ersatz umgeschaut? Niklas Landin soll ein heißer Kandidat sein. Was hält man von ihm?

Storm: Ein guter Mann, der viele Möglichkeiten hat in der Zukunft. Natürlich schauen wir uns um. Sehr intensiv sogar, aber das machen wir zunächst hinter verschlossenen Türen. Wenn es etwas Neues gibt, werden wir dies auch der Öffentlichkeit mitteilen.

Nielsen: Landin ist ein sehr großes Talent, das für viele Mannschaften interessant ist. 

Henning Fritz kann nach dieser Saison ein weiteres Jahr bei den Löwen verlängern. Es heißt aber, dass er es sich auch vorstellen könnte, bei den Löwen einen anderen Posten zu übernehmen. Zum Beispiel in der Öffentlichkeitsarbeit. Fritz ist eine Identifikationsfigur. Das würde Sinn machen, oder?

Storm: Entscheidend ist immer die sportliche Leistung und nicht das Alter oder eine Option. Wir sehen Henning Fritz als einen der Top 10 Torhüter in Europa und daher ist er für uns ein Spieler. Alles weitere wird die Zukunft bringen und wird nicht diskutiert.

Nielsen: Darüber habe ich ehrlich gesagt, noch gar nicht nachgedacht. Zurzeit ist Henning Fritz unser Torhüter, das ist der Stand der Dinge. Alles Weitere werden wir sehen.

Von Daniel Hund

 26.08.2010