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„Wir verbieten Herr Nielsen kein finanzielles Engagement“

Mannheim. Es ist das Reizthema schlechthin: Jesper Nielsen, bei den Rhein-Neckar Löwen ausscheidender Aufsichtsratsvorsitzender, möchte gerne ein paar Spieler des Handball-Bundesligisten mit zu seinem Heimatverein AG Kopenhagen nehmen. Der Haupt-Geldgeber des badischen und des dänischen Klubs sieht sich zu diesem Schritt gezwungen, weil die Europäische Handball-Föderation (EHF) ihm mit der neuen Regel zum „Multiple Club Ownership“ angeblich ein Engagement bei zwei Vereinen verbietet. „Wir haben in keinster Weise Druck auf Herrn Nielsen ausgeübt“, sagt dagegen EHF-Generalsekretär Michael Wiederer im Interview mit dieser Zeitung.

Herr Wiederer, warum hat die EHF eine Regelung zum „Multiple Club Ownership“ eingeführt?

Michael Wiederer: Grundsätzlich sind Regeln sich entwickelnde Grundlagen für einen Wettbewerb. Die EHF war bisher nicht mit dem Problem konfrontiert, dass zwei Klubs in der Hand einer Person liegen und beide Vereine im gleichen Wettbewerb mitspielen. Diese Situation wird möglicherweise in der nächsten Saison eintreten, wenn AG Kopenhagen und die Rhein-Neckar Löwen in der Champions League dabei sind. Jesper Nielsen ist Vorsitzender und Eigentümer beider Klubs, deshalb haben wir uns dieses Themas angenommen und um Aufklärung der Eigentümerverhältnisse gebeten. Wir wollen einen theoretischen Einfluss auf den Wettbewerb vermeiden.

Wie kam das Thema auf die Agenda der EHF?

Wiederer: Der dänische Handball-Verband hat eine konkrete Anfrage gestellt, wie wir mit dem Themenkomplex Jesper Nielsen, Rhein-Neckar Löwen, AG Kopenhagen und Champions League umgehen werden. Zudem baten uns mehrere deutsche Bundesligisten um eine Information, wie wir diese Situation behandeln. Diese Vereine haben sich aber nicht beschwert, sondern wollten lediglich eine Auskunft.

Hat die EHF von Herrn Nielsen verlangt, dass er seine Anteile an den Rhein-Neckar Löwen verkauft?

Wiederer: Nein.

Herr Nielsen betont, der europäische Verband habe ihm bei seinem Rückzug die Pistole auf die Brust gesetzt.

Wiederer: Diese Wortwahl ist vollkommen unpassend. Nach einem persönlichen Gespräch mit ihm, Löwen-Geschäftsführer Thorsten Storm und Gesellschafter Michael Notzon waren sich alle Seiten einig, dass wir das Thema aktiv angehen müssen. Es standen allerdings überhaupt keine Sanktionen zur Diskussion. Wir haben nur in einem ersten Schritt mit den Klubverantwortlichen gesprochen und in keinster Weise Druck auf Herrn Nielsen ausgeübt oder gesagt, er müsse sich zwischen den Löwen und Kopenhagen entscheiden.

Was verlangt die EHF denn von den Löwen und AG Kopenhagen?

Wiederer: Beschlossen hat der Verband lediglich, dass die Eigentümerverhältnisse der teilnehmenden Klubs an der Champions League zur nächsten Saison angefordert werden. Wir wollen wissen, wie die Strukturen und Entscheidungsgremien in den Vereinen aussehen. Ganz klar wurde aber auch beschlossen, dass ein Sponsoring bei mehreren Klubs absolut möglich und zulässig ist. Das ist ein ganz entscheidender Punkt.

Worum geht es der EHF konkret?

Wiederer: Für uns ist das finanzielle Engagement einer Person bei einem oder mehreren Klubs nicht entscheidend, sondern uns geht es um die sportliche Einflussnahme. Konkret bedeutet das: Der Spielbetrieb bei zwei Klubs darf auf keinen Fall in einer Hand liegen. Es ist nicht möglich, dass es für zwei Vereine nur einen Manager, einen Sportdirektor, einen Coach oder einen Vorstand gibt. Unsere Aufmerksamkeit gilt der sportlichen Einflussnahme und nicht dem finanziellen Engagement.

Mit anderen Worten heißt das: Jesper Nielsen könnte sich weiterhin finanziell bei den Löwen engagieren, oder?

Wiederer: Ja. Wir bedrohen mit der Regel zum „Multiple Club Ownership“ bestimmt keinen Verein in seiner Existenz, weil die Finanzverhältnisse weiterhin eine völlig autonome Angelegenheit der Klubs bleiben. Alles andere kann doch auch gar nicht in unserem Sinne sein. Wir haben schließlich sehr großes Interesse an wirtschaftlich gut ausgestatteten Klubs.

In der öffentlichen Wahrnehmung sieht es aber so aus, dass die neue EHF-Regel die Ursache für Herrn Nielsens angedachte Spielerverschiebung von den Löwen zu AG Kopenhagen ist.

Wiederer: Das entspricht aber in keinster Weise der Realität. Sponsoring, Spielertransfers und Einflussnahme innerhalb des Klubs – das alles sind einzig und allein reine Mannheimer Themen. Die EHF hat damit überhaupt nichts zu tun. Ich wiederhole es gerne noch einmal: Wir als Verband verbieten kein finanzielles Engagement von Herrn Nielsen bei den Rhein-Neckar Löwen.

Von Marc Stevermüer

 16.05.2011