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Endspiel um Platz zwei

Löwen fiebern dem Duell mit Vardar Skopje entgegen

Am morgigen Samstag ist es soweit. Beim Duell der Rhein-Neckar Löwen gegen Vardar Skopje entscheidet sich, welche Mannschaft die Vorrundengruppe C der VELUX EHF Champions League auf Platz zwei beendet. Nur diese Mannschaft hat im kommenden Achtelfinale das entscheidende Rückspiel zu Hause, einen Vorteil, den sich die Löwen gerne sichern würden. Doch auch in Skopje träumt man längst von mehr, die Partie bei den Löwen soll nur ein Zwischenstop auf dem Weg zur Endrunde der Königsklasse nach Köln sein.

Sergej Samsonenko will nämlich den ganz großen Erfolg mit seinem Klub. Dem russischen Oligarchen und Investor von Vardar Skopje ist die Vorherrschaftž in der nationalen Liga längst nicht genug. Sein Klub soll auch in Europa für Furore sorgen, das Final Four in der VELUX EHF Champions League erreichen. Mindestens! Und damit das gelingt, investiert der Geschäftžsmann fleißig in sein Hobby, den Spitzenverein aus der mazedonischen Hauptstadt. Weltklasse-Torwart Arpad Sterbik kam vor der Saison vom FC Barcelona nach Skopje, außerdem fanden Blazenko Lackovic (HSV Hamburg), Daniil Shiskarev (Medwedi Tschechow) und Sergei Gorbok den Weg auf den Balkan. Letzterer spielte in der vergangenen Saison noch für die Rhein-Neckar Löwen, weshalb das Duell mit dem deutschen Vize-Meister etwas ganz Besonderes für den Rückraumspieler wird.
Der Halblinke hat sich in seiner neuen Heimat mittlerweile prächtig eingelebt. Griechenland und das Mittelmeer liegen praktisch um die Ecke, ab und zu nutzt er seine Freizeit für einen Kurztrip in die Hafenstadt Thessaloniki. Natürlich immer dabei: seine Frau Veronika sowie die Drillinge Eva, Sara und Daniela. Sie sind nach wie vor sein ganzer Stolz und haben sich ebenso gut eingelebt wie der wurfgewaltige Rechtshänder, dem die Eingewöhnung aber auch deshalb so leicht fiel, weil bei Vardar viele seiner Landsleute unter Vertrag stehen. Timur Dibirov, Mikhail Chipurin, Daniil Shiskarev und Alexei Rastvortsev kennt er noch aus gemeinsamen Zeiten beim russischen Serienmeister Medwedi Tschechow. „Sie haben mir die Stadt gezeigt“, berichtet Gorbok, der sich sogleich in die mazedonische Metropole verliebte, auch wenn es nichts Vergleichbares zu der von ihm so geschätzten Heidelberger Altstadt gebe: „Ich mag den Balkan. Und deswegen war es auch nicht schwer, mich hier schnell einzuleben.“

In der nationalen Liga düržfte der Titel in dieser Saison nur eine Formsache sein, nachdem der Klub in der vergangenen Saison etwas überraschend gegenüber dem Stadtrivalen Metalurg das Nachsehen hatte. Der ungeliebte Nachbar verlor allerdings in den vergangenen Monaten das Wettrüsten um immer teurere Stars und rutschte in arge fiˆnanzielle Nöte. Der bärenstarke Torwart Darko Stanic verließ den Klub bereits, spielt zurzeit für die SG BBM Bietigheim in der Bundesliga und wird in der nächsten Saison das Trikot der Rhein-Neckar Löwen tragen. „Vardar gegen Metalurg, das ist ein ganz heißes Duell, die Rivalität ist enorm. Schade, dass Metalurg nicht mehr in der Lage ist, dem Stadtrivalen die Stirn zu bieten“, bedauert Stanic den Niedergang seines Ex-Klubs. Mangels Konkurrenz im eigenen Land ist Vardar in der internationalen Seha-Liga, in der Mannschaftžen aus Osteuropa und vom Balkan gegeneinander antreten, am Ball. Gorbok und Co. liegen auf dem zweiten Platz, wie auch in der Champions-League-Gruppe C thront der ungarische Spitzenverein MKB-MVM Veszprém auf dem ersten Rang. Trotzdem ist die Seha-Liga für die Mazedonier von großer Bedeutung, werden sie in diesem Wettbewerb doch mehr gefordert als national. „In der Seha-Liga wollen wir uns für die Champions League in Form bringen“, macht Gorbok deutlich, welcher Wettbewerb die höchste Priorität genießt: „Unser Ziel ist ganz klar das Final Four in Köln.“ Auf dem Weg dorthin setzen die Mazedonier vor allem auf ihre Heimstärke und die enthusiastischen Fans: „Wir haben richtige Ultras.“ Von der heißblütigen, fanatischen und emotional aufgeladenen Stimmung konnten sich die Löwen im Hinspiel überzeugen, als sie in einem echten Hexenkessel mit 25:28 unterlagen. „Das war die beeindruckendste Atmosphäre, in der ich je gespielt habe“, berichtete Löwe Mads Mensah Larsen vom Höllenlärm, den die 5500 Zuschauer im nagelneuen, hochmodernen und von Samsonenko ˆfinanzierten Sport-Center Jane Sandanski veranstalteten. Keine Frage: Diese Fans verleihen Flügel – und lassen Skopje von weiteren magischen Nächten in der Champions League träumen.

In der vergangenen Saison sorgten die Mazedonier bereits für Furore, als sie im Achtelˆfinale überraschend Titelverteidiger HSV Hamburg ausschalteten. Nach einem 28:28 in eigener Halle gewann Skopje das Rückspiel in der Hansestadt mit 30:29 und machte erstmals auch international so richtig auf sich aufmerksam. Im Viertelˆnale gab es dann den nächsten Krimi – und fast wäre dort die Europa-Reise des späteren Champions-League-Siegers SG Flensburg-Handewitt vorbei gewesen. Nachdem die Norddeutschen das Hinspiel vor eigenem Publikum nur knapp mit 24:22 gewonnen hatten, unterlagen sie in Mazedonien mit 25:27 und kamen nur dank der mehr erzielten Auswärtstreffer weiter. Nun nimmt Skopje einen neuen Anlauf. „In dieser Saison haben wir vier neue Spieler, die uns helfen können, unsere Ziele zu erreichen“, sagt Trainer Raul Gutierrez Gonzalez, der seine Mannschaftž in der europäischen Spitze etablieren will: „Wir sind ein ernstzunehmender Gegner. Es ist unser Ziel, jedes Jahr in der Champions League dabei zu sein. Handball ist in Mazedonien die Sportart Nummer eins und wir wollen weitere Fans für uns gewinnen.“ Irgendwann soll natürlich auch der Sprung auf den europäischen Thron gelingen, weshalb Samsonenko um weitere Stars buhlt. So soll Ex-Löwe Ivan Cupic, derzeit für Vive Kielce in Polen am Ball, hefžtig von Vardar umworben werden. Der Kroate wäre ein weiteres wichtiges Teil im Personalpuzzle des Trainers, der sein Team (noch) nicht zu den heißesten ersten Anwärtern auf den Titel in der Königsklasse zählt: „Meine persönlichen Favoriten sind der THW Kiel, der FC Barcelona, KS Vive Targi Kielce und Paris Saint-Germain.“ Dieses Quartett ist für Raul Gutierrez Gonzalez der Maßstab – und um es angreifen zu können, braucht er weitere Stars. Das weiß auch Sergej Samsonenko, der zum morgigen Duell mit den Löwen ebenfalls erwartet wird.

„Wir wissen, wie stark Skopje spielen kann. Natürlich brauchen wir einen sehr guten Tag um sie zu schlagen, aber mit unseren Zuschauern im Rücken wollen wir uns diesen zweiten Platz unbedingt noch sichern“, sagt Löwen-Trainer Nikolaj Jacobsen, angesprochen auf die morgige Partie. An Selbstbewusstsein dürfte es den Gastgebern nicht fehlen, „wenn wir an unsere Leistung vom vergangenen Mittwoch in Göppingen anknüpfen, schlagen wir auch Skopje“, so Spielmacher Andy Schmid. Die Partie im Sportzentrum Harres in St. Leon-Rot beginnt um 21 Uhr (SKY überträgt live) und ist bereits ausverkauft. Die Abendkasse wird nicht mehr geöffnet. Da auch zahlreiche Gästefans erwartet werden, kann es zu Wartezeiten beim Einlass kommen. Eine rechtzeitig Anreise nach St. Leon-Rot wird deshalb allen Kartenbesitzern empfohlen. Die Halle öffnet bereits um 19:45 Uhr.