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„Wie eine Niederlage“

Mannheim. Es hätte sein können, aber es sollte nur halb sein. Die Rhein-Neckar-Löwen mussten sich gestern Abend nach teilweise klarer Führung mit einem 30:30 (17:14) gegen den THW Kiel begnügen. Die Kieler festigten damit ihre Führung in der Gruppe A der Handball-Champions-League.

Alfred Gislason begann, falls das bei seinem Kader überhaupt möglich ist, mit der zweiten Garnitur: Dominik Klein und Tobias Reichmann auf den Außenpositionen, Milutin Dragicevic am Kreis und Momir Ilic im linken Rückraum. Sie alle standen nicht in der Formation, die die Löwen am Sonntag im Hinspiel bis zur Pause mit 17:9 zurückgeworfen hatten. Als aber die Mannschaft vor dem überragend haltenden Henning Fritz nach 17 Minuten 10:5 in Führung lagen, reagierte der THW-Trainer. Filip Jicha rückte in den Rückraum, Marcus Ahlm an den Kreis und Andreas Palicka für den bis dahin eher glücklos agierenden Thierry Omeyer ins Tor.

Zwölf Minuten später standen fünf Jicha-Treffer (am Schluss neun) zu Buche und sieben Paraden Palickas, aber die Löwen führten zur Pause immer noch 17:14. Karol Bielecki hatte seine Mannschaft mit fünf Toren im ersten Abschnitt im Rennen gehalten, gegen seine Würfe war Palicka machtlos.

Die Löwen blieben am Drücker. Bis in der Schlussphase die bis dahin guten Schiedsrichter Olesen/Pedersen die Linie verloren. Ein klares Foul an Gensheimer ließen sie ebenso laufen wie einen Angriff auf Olafur Stefansson, Kiel verkürzte auf 29:27. Zwei Siebenmeter von Jerome Fernandez bescherten den „Zebras“ den Anschluss zum 30:29. Es folgte, was sich die Löwen in den letzten, knapp verlorenen Spielen immer leisteten: ein völlig unüberlegter Abschluss. Diesmal war es Andy Schmid, der in die Deckung warf. Der THW nutzte den Gegenzug zum Ausgleich. Sekunden waren noch zu spielen. Nun sah sich Karol Bielecki einer Situation gegenüber, die er von der 31:32-Bundesliga-Niederlage vom Mittwoch beim HSV Hamburg bestens kannte. Er stand bei seiner letzten Freiwurfchance einer haushoch scheinenden Mauer aus weißgekleideten Leibern gegenüber. Kein Durchkommen.

Die Kieler feierten das Unentschieden wie einen Sieg. Löwen-Trainer Gudmundur Gudmundsson dagegen meinte: „Es ist wie einer Niederlage.“ Er erkannte, dass seine Mannschaft trotz der vorangegangenen Niederlagen näher an die Spitze der Bundesliga und Europas herangekommen ist. Die letzten zehn Minuten gefielen dem Isländer nicht. Kein Wunder, sechs Minuten lang durfte sein Kollege und Landsmann Alfred Gislason mit seiner Abwehr höchst zufrieden sein. Denn den Löwen gelang kein Tor mehr.

Gislason machte seiner Mannschaft, die am Mittwoch (20.45 Uhr) schon wieder in der SAP-Arena antritt, ein großes Kompliment für ihren Kampfgeist und lobte neben Palicka vor allem Jerome Fernandez, der in all seiner Eleganz wieder ein klasse Spiel auf Halbrechts ablieferte. Als Rechtshänder wohlgemerkt. Doch Gislason muss es auch bang um die nächste Zukunft sein. Marcus Ahlm schied wegen des Verdachts auf einen Bruch der linken Wurfahnd aus. Außen Christian Sprenger donnerte bei einem Seitenaus-Rettungsversuch seinen ohnehin lädierten linken Knöchel an die Werbebande. Christian Zeitz ist wie Kim Andersson und Daniel Narcisse langzeitverletzt. Sie alle werden wohl am Mittwoch fehlen. Beim Nachweis, wer von beiden Teams aus den Fehlern am schnellsten gelernt hat.

Rhein-Neckar-Löwen: Fritz bis 45. plus ein Siebenmeter), Szmal (ab 45.) – Stefansson (2/1), Lund (1), Bielecki (7) – Groetzki (4), Gensheimer (7/3) – Gunnarsson (4) – Myrhol (2), Roggisch, Schmid (3), Tkaczyk, Ruß (n.e.), Sesum (n.e.)

THW Kiel: Omeyer, Palicka (16. bis 47.) – Fernandez (7/2), Palmarsson (3), Ilic (2) – Reichmann (3), Klein (2) – Dragicevic (2) – Kubes, Jicha (9/1), Ahlm, Lundström (1), Sprenger

Spielfilm: 5:5 (12.), 10:5 (17.), 13:11 (24.), 17:14 (Halbzeit), 18:17 (33.), 22:20 (39.), 25:20 (42.), 28:23 (48.), 29:27 (52.) – Zeitstrafen: 6/4 – Siebenmeter: 5/4 – 4/3 – Beste Spieler: Bielecki, Fritz, Myrhol – Placick, Fernandez, Jicha – Zuschauer: 12.337 – Schiedsrichter: Olesen/Pedersen (Dänemark).

Von Dietmar Einzmann

 27.11.2010